Dieser Vertrag wurde zur Grundlage der Besetzung Persiens im ersten Weltkrieg, seine Grundgedanken spielten im zweiten Weltkrieg wieder eine große Rolle. Dazwischen lag eine Zeit ungewöhnlichen Aufschwungs, geführt durch die energische Gestalt Reza Schahs, der sich vom einfachen Kosakenoffizier auf den Pfauenthron des Königs der Könige emporschwang, der das Land reformierte, alte Gebräuche rücksichtslos austilgte, und der vor allem die große Eisenbahn baute, die das Ufer des Kaspisees mit dem des Persischen Golfes verband. Zuerst haben die Perser mit den Russen zusammengearbeitet, die nach 1918 in Asier das Banner des Nationalismus und der Befreiung der unterdrückten Völker entfalteten. Dann waren die Nordamerikaner hoch im Kurs, als der Dollar als die einzige stabile Währung erschien und Europa endgültig abgewirtschaftet zu haben schien. Damals hat der Amerikaner Millspaugh die Finanzen neu geordnet und moderne Gedanken in die Staatsverwaltung eingeführt, und es ist bezeichnend, daß derselbe Millspaugh nach 1942 wieder in Persien die führende Stellung als amerikanischer Fachmann innehatte, jedoch 1945 das Land wieder verließ. 1930 schien die Zeit der Deutschen gekommen zu sein. Der allmächtige Hausminister Timur Tasch begünstigte sie überall, in der Hoffnung, hier eine unbeteiligte, unvoreingenommene Kraft gewonnen zu haben, die den Vorsprung anderer orientalischer Länder, insbesondere der benachbarten Türkei, wieder einzuholen versprach. Dann jedoch drang der Einfluß der Sowjetunion mächtig vor. Ein Handelsvertrag sicherte den Russen das Handelsmonopol in den nördlichen Provinzen Gilan, Aserbeidschan und Masenderan. Timur Tasch starb auf ungeklärte Weise im Gefängnis, und die Anglo Iranian Oil Company, die mächtige Organisation des britischen Ölkapitals, wurde gezwungen, größere Summen als bisher an den persischen Fiskus abzuführen. Dann aber, als die Russen endgültig gesiegt zu haben schienen, warf Reza Schah wieder das Steuer herum und schwenkte in die englische Linie ein: Aussöhnung mit der Iranian Oil Company, Kündigung der Abkommen mit Rußland, Begünstigung der britischen Interessen.

Viel Schuld an dieser eigenartigen Politik werden wir dem Charakter des Schahs zuschreiben können, der, je älter, um so mitrauischer wurde. Dahinter stand jedoch sein großer Gedanke, Persien zu einer modernen Macht emporzuheben und aus dem zurückgebliebenen Land ein fortschrittliches Gebilde zu schaffen, würdig der großen Vergangenheit. Im Mittelpunkt dieser Politik stand der Wille, die Eisenbahn zu bauen. Noch im ersten Weltkrieg war Persien das Land ohne Eisenbahn. Nur eine Stichbahn reichte bis in die dreißiger Jahre von der russischen Grenze nach Täbriz im Nordwesten. Dabei ist die iranische Hochebene durchzogen von einer breiten, fast unwegsamen Wüste, die jeden Verkehr verhindert. Wenn Persien auf der Landkarte eine Brücke zwischen Hochasien und Vorderasien darstellt, so ist diese Brücke von der Natur verrammelt wie kaum eine andere durch hohe Gebirge und unwegsame Wüsten. Nur die Eisenbahn kann die langsame Kamelkarawane ersetzen, aber diese Eisenbahn erwächst nicht aus dem natürlichen Verkehrsbedürfnis, sondern aus dem Staatswillen.

Aus erhöhten Zollsätzen auf Tee und Zucker, also dem täglichen Verbrauch des kleinen Mannes, auf Entbehrung und Verzicht ist die Bahn gebaut worden. An ihr waren deutsche und britische Firmen beteiligt, dann wurden alle Pläne eingestellt, dann kamen wieder neue Anläufe, einer dänischen Firma wurde die Oberleitung übergeben. Überschwemmungen rissen weite, allzu schnell gebaute Strecken im Süden weg, Erdrutsche ließen Kilometer um Kilometer in den Gebirgen des Nordens verschwinden. Aber dann kam der Tag, da die erste Eisenbahn in Teheran einlief.

Diese Eisenbahn hat im zweiten Weltkrieg eine entscheidende Rolle gespielt. Über sie ist neben den endlosen Autokolonnen die Rußlandhilfe der westlichen Verbündeten nach Rußland geströmt und hat das Wunder von Stalingrad in hohem Maße erst ermöglicht. Um diese Verbindung unter allen Umständen und allen möglichen Gefahren zu schützen, rückten russische, britische und amerikanische Truppen in Persien ein und besetzten dieses Land gegen das Versprechen, es sechs Monate nach Beendigung aller Kampfhandlungen zu räumen. Dieser Termin war am 2. März dieses Jahres erfüllt. Die Briten und Amerikaner verließen vertragsgemäß das Land, die Russen schlossen einen Sondervertrag mit Persien, der die Räumung bis zum 6. Mai vorsieht.

Dabei tauchte jedoch eine neue Frage auf: die des persischen Öls. Persien, dieses Land der unendlichen Wüsten, hat sich als eines der reichsten Ölgebiete der Erde erwiesen. Bisher lag die Hauptausbeute im Süden, in der Provinz von Mohammerah, wo der Scheich lange Zeit als Bundesgenosse der Engländer frei schaltete und waltete, bis ihn Reza Schah nach Teheran einlud und nicht mehr freiließ. Der Norden blieb vernachlässigt, aber gerade dort erwarten die Geologen große Funde. Mit dem Fünfjahresplänen und dem Anwachsen des Erdölbedarfs in Rußland selbst wird Persien nicht wegen seiner Verkehrslage, sondern wegen seiner Bodenschätze Gegenstand der Weltpolitik. Seit Jahren drängen die Russen auf den Abschluß eines Konzessionsvertrages, der ihnen die Schürfrechte im Norden, zuspricht. Bisher haben die Perser diese Frage hinausgezögert, weil sie politischen Einfluß fürchteten. Erst jetzt, nach der Räumung der persischen Gebiete, kann ein neu erwähltes Parlament den Ölvertrag mit Rußland ratifizieren. Als Mitglied der UNO weiß Persien, daß es keine Gefahren mehr zu fürchten hat, die ihm so häufig in der Geschichte aus seiner uralten Stellung als Landbrücke erwachsen sind.