Es hat Leute gegeben, die, im Hinblick auf die rege Wirtschaftstätigkeit in der sowjetischen Zone und insbesondere auf das schnelle Wiederanlaufen der Verbrauchsgüter-Industrien Sachsens, geradezu von einem „Wirtschaftswunder“ sprechen wollten. Jetzt kommt, wie sehr charakteristische Äußerungen des wohlbekannten Londoner Rundfunk-Kommentators Lindley Frazer zeigen, die Ernüchterung.

Die Produktion läuft nicht an; sie läuft vielmehr aus. Überall gehen die Rohstoffvorräte zur Neige, und im Zusammenhang damit ergibt sich eine Überliquidität der Betriebe ebenso wie der Banken. Aus der sächsischen Textilindustrie wird über eine zunehmende Verringerung der Garn- und Rohstoffvorräte berichtet; man erwartet sehnlichst die Zufuhren von Baumwolle aus Zentralasien. Der Leiter des Amtes „Wirtschaft“ für den Bezirk Reinickendorf hat erklärt, daß die Berliner Betriebe vielleicht noch für drei Monate Arbeit haben. Der „Kurier“ berichtet dazu, daß Berlin seit der Besetzung von allen Rohmaterialzufuhren abgeschnitten sei und nur von der „Substanz“ lebe. Auch Baustoffe fehlen: Zement, Dachpappe, Ziegeln, Glas,

Dazu kommen nun noch neue Belastungen durch Reparationslieferungen. Die Hälfte des Wagenparks der Berliner S-Bahn soll abgegeben und nach Sowjetrußland verbracht werden. Die Einrichtungen des elektrifizierten Eisenbahnnetzes in Mitteldeutschland; das von Magdeburg bis Probstzella reicht, teilen dies Schicksal, zusammen mit dem zugehörigen reichsbahneigenen Kraftwerk bei Bitterfeld. Auf den bisher elektrifizierten Strecken wird also wieder der Dampfbetrieb aufgenommen. Die Hauptlinien in der Sowjetzone sollen zwar das (im letzten Jahr abgebaute) zweite Gleis zurückerhalten; diese Maßnahme wird aber durch einen entsprechenden Abbau von Nebenstrecken erkauft. –

Während so der Sowjetzone besonders nachdrücklich vor Augen geführt wird, was die Zurückführung des deutschen Lebensstandards auf den „europäischen Durchschnitt“ (ohne Rußland und Großbritannien) praktisch bedeutet, kommen aus England in zunehmendem Maße kritische Stimmen zum „Industrieplan“. Das Stichwort hat der britische Schatzkanzler gegeben, als er in seiner Budgetrede feststellte, daß jährlich zunächst 80 Millionen Pfund Sterling von den britischen Steuerzahlern aufzubringen sind: Verwaltungskosten für die britische Besafzungszone (ohne die Ausgaben für die Rhein-Armee), einschließlich der Beträge, die erforderlich sind, um Deutschland vor dem Hunger zu bewahren. „Wir müssen Deutschland zu einem wirtschaftlichen Status verhelfen, der das Land zahlungsfähig macht... wir können kein Geld von einem hungernden Volk, von einer zusammengebrochenen Wirtschaft erhalten. Deutschland muß befähigt werden, genügend Güter zu exportieren, um zunächst seine lebenswichtigen Importe selbst begleichen und danach die Besatzungskosten an die alliierten Mächte zahlen zu können“, schreibt der „Daily Herald“ hierzu.

Sir Walter Layton, der Herausgeber des „Economist“, entwickelt in „News Chronicle“ speziell unter Bezugnahme auf den Industrieplan den Gedanken einer Eingliederung der deutschen Wirtschaft in eine gesamteuropäische Konstruktion. „Europa kann es sich nicht leisten“, so sagt er, „auf die deutschen Hilfsquellen und auf die deutsche Geschicklichkeit zu verzichten. Es kann es sich nicht leisten, ein Elendsviertel mitten in seinem Herzen zu schaffen.“ – Zu ähnlichen Ergebnissen kommt, so daß nun auch die konservative Stimme neben der liberalen und derjenigen der Labour Party nicht fehlt, ein Aufsatz im „Observer“.

Sir Walter Layton hat seinem Aufsatz die Überschrift gegeben: „Die wirtschaftlichen Folgen von Potsdam.“ Wir Älteren erinnern uns eines Buches von John Maynard Keynes, das fast den gleichen Titel trug ... E. T.