Regt sich etwas in der „ruhigen Ecke“ Europas? Während die Potsdamer Konferenz tagte, trafen sich zum erstenmal wieder Vertreter der nordischen Länder in Stockholm, um die seit dem russischfinnischen Winterkrieg etwas brüchig gewordene Solidarität zu erneuern. Später folgten eine interparlamentarische Konferenz in Kopenhagen, Besprechungen der Sozialminister und schließlich die vor wenigen Tagen beendete Außenministersitzung in Oslo.

Seitdem alle Ostseehäfen zwischen Wiborg und Wismar den Russen gehören oder ihnen voll zur Verfügung stehen, tut sich die Lage am „Baltischen Meer“ wesentlich verändert. Anfang Februar warnte die „Prawda“: Es sind russenfeindliche, außerschwedische Einflüsse, die einen geopolitischen Block im Norden schaffen wollen. Jeder Block aber, gleich, ob politisch oder wirtschaftlich, bedeutet nicht nur eine Absonderung, sondern weist in eine bestimmte Richtung. Die Geschichte hat gezeigt, daß die schwedische Propaganda für einen skandinavischen Block gewöhnlich von außen kam und daß sie sich immer durch ihre feindliche Haltung Rußland gegenüber auszeichnete.“

Bisher haben sich die sozialistischen Regierungen der drei eigentümlichen demokratischen Monarchien des Nordens allerdings bemüht, ihren Ruf zu wahren, das Urbild der Neutralität zu sein. Das während des Krieges nach amerikanischer Besetzung selbständig gewordene Island fühlt sich nach wie vor seinen Sprachverwandten in jeder Weise verbunden, während sich Finnland gewisse Beschränkungen auferlegen muß, um nach dem verlorenen Krieg jeden Verdacht Rußlands und jeden Grund zum Mißtrauen zu vermeiden. Trotzdem ist die alte Einheit einer gemeinsamen Interessenvertretung und Außenpolitik, die im Genfer Völkerbund mit der Schweiz zur Bildung der Gruppe der Neutralen führte, und die 1930 die wirtschaftspolitische Organisation des Oslo-Blockes unter Einschluß von Holland, Luxemburg und Belgien veranlaßte, gesprengt worden. Nur Schweden, das sich außerhalb des Krieges im Zustand der „bewaffneten Neutralität“ mit wechselnden Gunstbeweisen hatte halten können, profitiert heute davon mit einer intakten Industrie als einer der wichtigsten Konjunkturlieferanten für Fertigfabrikate. Die Nachbarn, die trotz langjähriger Besatzungszeit und Ernährungskrise eine sehr günstige Position haben – bis auf Finnland –, wollen die prinzipiellen Stockholmer Vorbehalte den Vereinten Nationen gegenüber nicht teilen. Die Stellung des . norwegischen Arbeiterparteilers Trygve Lie als Generalsekretär der UNO ist symptomatisch für die Absicht, sich in die Weltpolitik einzuschalten, ohne sich nach Osten oder Westen zu binden.

Die dringendsten Aufgaben liegen jedoch auf dem Gebiet der sozialen und wirtschaftlichen Angleichung und der gegenseitigen Hilfe. Dafür haben die fünf nordischen Länder ein beispielhaftes Programm entwickelt. Es enthält den Plan für eine einheitliche Sozialgesetzgebung, für einen gemeinsamen Arbeitsmarkt zum Austausch von Arbeitskräften, für eine Koppelung aller Produktionsquellen und für einen regeren Verkehr der nordischen Wissenschaftler und Studenten. Außerdem soll die Möglichkeit eines gemeinsamen Staatsbürgerrechts erwogen werden.

Der Norden Europas wäre nicht der einzige Bereich, in dem sich solche regionalen Abkommen entwickeln, die in der Charter von San Franzisko als Absteifung des großen Friedenswerkes der Vereinten Nationen angesehen werden. Und wenige Länder sind wie die skandinavischen durch Sprache, Geschichte und Lebensform so miteinander verbunden wie die, die – damals noch unter einer Krone vereint – ihre Boten über den Atlantik und bis ans Schwarze Meer schickten: eine Weltmacht von gestern – eine nordeuropäische Konföderation von morgen. Hans Zielinski