Als die Nationalsozialisten an die Macht kamen, verkündeten sie ihr „tausendjähriges Reich“. Der gewöhnliche Sterbliche und Nicht-Pg. hielt den Atem an und überlegte: Wie ist es möglich, daß ein Regime sich mit der Absicht, tausend Jahre zu regieren, in den Sattel setzt? Man kann in den Annalen der Geschichtsschreibung zurückblättern, so weit man will, nirgendwo wird man etwas Ähnliches finden. Lediglich die Männer der Hochfinanz haben einmal mit tausend Jahren gerechnet. Das war im Jahre 1930. In den Zeitungen stand es zu lesen:

„Der Siemens-Konzern hat bei dem amerikanischen Bankhaus Dillon Read u. Co. eine Anleihe von 14 Millionen Dollar aufgenommen. Diese 14-Millionen-Anleihe läuft bis zum Jahre 2930, also 1000 Jahre.“

Wahrhaftig, einen solchen Vertragsabschluß hätte niemand den sachlich-kühlen und überlegen kalkulierenden Finanzmännern zugetraut!

Vielleicht haben die Gründer des „tausendjährigen Reiches“ und vorher die Väter des tausendjährigen Vertrages sich von der Zahl Tausend überhaupt nicht imponieren lassen, weil sie das Summieren in Millionen besser gelernt hatten als das Dividieren in tausendjähriger Geschichte – die einen in bezug auf Wählerstimmen, die anderen in bezug auf Mark und Dollar. Sie wären sonst vorsichtiger mit dem großen Wort „Tausend“ umgegangen.

Denken wir tausend Jahre vorwärts und zurück, um die Probe aufs Exempel zu machen! Der Vergleich der Jahreszahlen 2933 und 930 zwingt allen „tausendjährigen“ Spekulationen nur ein gelindes Lächeln ab. Optimisten von heute sehen die Weltreisenden von 2933 mit Sphärenschiffen zum Mars fliegen und die Globetrotter mit der Ozean-Untergrundbahn im Drei-Minuten-Verkehr von Lissabon nach New York brausen... Aber weniger phantasiebeflügelte Gemüter werden historisch empfinden und nach rückwärts blicken: vor tausend Jahren wurden die meisten der bedeutenden niederdeutschen Städte gegründet. In kommenden tausend Jahren werden sich wieder die Grenzen der Staaten verschieben, und vielleicht wird von Größen unserer Zeit nicht mehr viel im Buch der Geschichte übrigbleiben als der Klecks, den ein Vöglein vom Baume fallen läßt.

Dort, wo 1930 das Haus Dillon, Read u. Co. vierzehn Millionen Dollar zu 6 bis 14 Prozent Gewinn bis in alle Ewigkeit auf 1000 Jahre verpumpte, stand vor 300 Jahren ein Blockhaus der Holländisch-Westindischen Kompanie. Von wo 1933 die vom Größenwahnsinn besessenen NSDAP-Diktatoren ihr tausendjähriges „Drittes Reich“ proklamierten, liegt der Ewigkeitstraum nach kaum zwölfjähriger Herrschaft unter Schutt und Trümmern begraben.

Was sind tausend Jahre? Robert Ley hat den Begriff bei einer Rede einmal treffend definiert: „Das tausendjährige Dritte Reich wird nicht tausend, sondern zweitausend Jahre bestehen!“