Zu einer Ausstellung Max Pechsteins

Berlin, im April

Die Abteilung für Volksbildung beim Magistrat Berlin hat in der heutigen Staatsoper, dem ehemaligen Admiralspalast am Bahnhof Friedrichstraße, ein? große Pechstein-Ausstellung veranstaltet. In dem breiten Umgang hinter dem Foyer im ersten Rang hängen rund hundertundfünfzig Arbeiten, Gemälde, Aquarelle, Zeichnungen. Die frühesten stammen aus der Dresdner Zeit, von 1905–1909, die spätesten aus den letzten Jahren; selbst 1945 ist bereits vertreten. Vier Jahrzehnte entscheidender Entwicklung ziehen vorüber: vom Expressionis-. mus bis zur Gegenwart sieht man in Andeutungen die Wege, die ein lebendiger Mensch gehen mußte, um in sich und um sich die Beziehung zum Unmittelbaren zu behalten.

Wenn man die frühen Blätter aus dem Jahre 1907, etwa die Garben, die in Goppeln, dem ehemaligen Barbizon der jungen Dresdner Maler, entstanden, oder auch den Niddener Dünensommer von 1911 betrachtet, erlebt man noch einmal das bestimmende Schicksal der Generation von 1880, die entscheidende Abkehr vom 19. Jahrhundert, die sich schon damals vollzog. Die Erinnerung an die erste Expressionistenausstellung von 1905 steigt auf; das Wort Expressionismus gab es damals freilich noch nicht, nur die Sache, die leeren Fabrikräume in der Dresdner Friedrichstadt, in denen man zum ersten Male den Namen Pechstein und Erich Heckel, Ernst Ludwig Kirchner und Schmidt-Rottluff begegnete, neben denen Gerhart Hauptmanns Vetter Otto Müller schon abgeklärt wie ein Arrivierter wirkte. Die Dresdner kümmerten sich nicht viel um das Unternehmen; aber ein Jahr später räumte Herr Holst (in Richters Kunstsalon) der „Brücke“, wie sich der Kreis jetzt bereits nannte, zu dem außer den Genannten noch Emil Nolde, der Schweizer Amiet und der Finne Axel Gallen gekommen waren, seine schönen Räume an der Prager Straße ein, wo sie nun ihre erste öffentliche Ausstellung den Dresdner vorführten. Die taten, was man von ihnen erwarten mußte: sie schrien und wehrten sich; der Übergang war zu hart, zumal, wie gesagt, noch keine begrifflichen Hilfsmittel vorlagen, mit denen man klärend und erläuternd den Betrachtern zu Hilfe kommen konnte. Es gab einen großen Aufruhr um diese Bilder und ihre Maler: selbst die Jüngeren waren ebenso dagegen wie heute die Mehrzahl der heraufkommenden Geschlechter.

Was war nun das Neue, Verwirrende, Entscheischeidende? Vor allem dieses: der Gegensatz gegen das gerade eben aktuell und halbwegs verständlich Gewordene, gegen den Impressionismus. Es war tragisch: in Deutschland hatte man diese Phase der europäischen Entwicklung unter den Nachwirkungen des Krieges von 1870 sehr verspätet, eigentlich erst in den neunziger Jahren kennengelernt, als mit Edvard Munch und seiner Berliner Ausstellung von 1894 bereits die Gegenbewegung akut geworden war. Um 1900 hatte man angefangen, das Wort Impressionismus für das Moderne auch auf den deutschen Akademien zu gebrauchen, und nun stand – wenige Jahre später – eine neue Generation da, die all das eben Errungene und kaum Begriffene rücksichtslos wieder verwarf, die mit grundsätzlich neuen Idealen auf den Plan trat und trotzdem wirklich nicht reaktionär genannt werden konnte; im Gegenteil.

Sieht man jetzt einmal frühe Bilder von Pechstein wieder, so empfindet man noch vor den wenigen Proben, die die Ausstellung aus dieser Zeit zeigen konnte, beglückend das lebendig Positive der damals jungen Bewegung. Der Impressionismus war Analyse gewesen, Auflösung des visuellen Eindrucks in ein der Netzhautstruktur entsprechendes Bildgefüge von Flecken und Tupfen – „hachure“ nannte sie der stärkste Theoretiker der Bewegung, Paul Signac. Der Impressionismus wandte sich nur an das Auge, löste die Sichtbarkeit aus dem Zusammenhang des geistig-seelischen Gesamtdaseins, schaltete den Menschen außer seinen Augen aus der Betrachtung künstlerischer Dinge in der letzten Konsequenz aus. Das Entscheidende war für ihn der vom Objekt empfangene Eindruck: die Natur bestimmte, nicht der Mensch, vielleicht nicht einmal die Kunst. Dagegen lehnte sich der lebendige Instinkt der Jungen auf. Ihr Feldgeschrei war nicht mehr der Rousseau-Ruf: Zurück zur Natur, sondern lautete: Los von der Natur! Zurück zum Ganzen, zum Menschen, zur Kunst! Sie wollten nicht mehr passive Analyse, wollten ihre Vorschriften nicht mehr vom Objekt empfangen: sie wollten aktiv selbst entscheiden. Sie wollten nicht mehr hinter den Dingen zurücktreten, dem Betrachter die Zusammenfassung- und endgültige Formung überlassen: sie wollten selber sprechen, bekennen, direkt und unmittelbar. Sie lehnten es ab, die Farbe in kleine Flecken zu zerlegen und dem Auge des Betrachters die Ehre der Vereinigung dieser Einzelheiten zu überlassen. Sie wollten selber zusammenfassen, die Farben zu großen Flächen vereinigen, so daß ein Rot wieder ein Rot, ein Blau ein ehrliches Blau war. Sie wollten so das Wesen der Farbe herausholen und mit ihm das Wesen der Dinge und ihr eigenes; sie wollten Ausdruck geben, nicht Eindruck, Kunst, nicht bloße, gereinigte Sichtbarkeit. Beim Impressionismus war das Betrachten trotz aller Aufgaben, die er auch stellte, erheblich einfacher, nämlich aufs Auge beschränkt gewesen. Der Expressionismus verlangte mehr, wenn er zu Beginn auch selber nicht sagen, nur zeigen konnte, was er wollte. Da er so viel anspruchsvoller auftrat, war der Protest des Publikums natürlich entsprechend noch lauter, als ein Menschenalter zuvor beim Impressionismus.

All diese Erfahrungen und Erlebnisse von damals steigen vor Pechsteins frühen Gemälden wieder herauf. Man sieht das Sinnvolle der Bewegung von 1905, sieht die sinnvollen Folgen und sieht zugleich, wie sehr auch die wildesten Neuerer, vom Handwerk gebunden, in der großen Tradition des Ganzen bleiben. Was einst Revolution war, ist heute beinahe Klassik: die Farben sind gedämpft, beruhigt nicht nur von der Zeit, die sie mildernd getönt hat wie van Goghs brennendes Gelb und Grün und Rot. Auch der Expressionismus war nur für die Zeitgenossen aufregend oder erbitternd und später für die, die um 1933 geistig noch nicht einmal den Standpunkt von 1905 durchlaufen hatten. Heute, ist er längst eingegangen in die große allgemeine Geschichte der europäischen Kunstentwicklung und hat Wandlungen durchlebt, denen man am Schaffen Pechsteins in dieser Ausstellung um so besser nachgehen kann, als er selbst sie untheoretisch lebendig, aus Instinkt, nicht vom Begrifflichen aus, im Werk verwirklicht hat. Er malte und ließ die Zeit gewähren; er zeichnete und gab ihr damit noch viel mehr Spielraum.