Es gab eine Zeit, da floß das Leben dahin wie ein wohlregulierter, etwas träger Fluß. Man konnte bei vielen wesentlichen Dingen voraussehen, wie sie laufen würden, man gönnte planen und vorsorgen. Heute dagegen kommt es uns vor, als ob wir auf einem Floß im Ozean dahintrieben, ein Spielzeug der Wellen und des Windes. Einmal ist Sturm, und wir klammern uns an die kümmerlichen Planken, triefend von den Spritzwellen und von Angst erfüllt, daß es nun gewiß nicht lange mehr gutgehen könne. Aber plötzlich legt sich der Sturm, das Meer glättet sich, die Sonne bricht durch, wir können neuen Mut schöpfen.

Man wird beweglich durch diese Erfahrung, elastisch und weise. Die ersten paar Male, als der Sturm aufzog, als wieder eine Hoffnung zuschanden geworden, eine schlechte Nachricht kam, da meinten wir, nun wäre alles aus, nun lohne es nicht, weiterzukämpfen. Aber dann stellte, es sich heraus, daß unser Floß uns immer noch trug, daß wir zwar naß wurden, aber nicht versanken, daß der Ozean zwar beängstigend weit war, daß aber hin und wieder recht erfreuliche Dinge auf ihm umherschwammen, die man greifen konnte, wenn man geschickt genug war, ja die uns manchmal sogar unversehens zugespült wurden, ganz ohne unser Zutun. Wir lernten, uns über Strandgut unbefangen zu freuen.

Manchmal ist es eine geschenkte Brotmarke, gerade wenn in der vierten Woche der Kartenperiode die Not besonders empfindlich ist, manchmal eine Einladung, die leibliche Genüsse bietet oder auch nur einen fröhlichen Kreis um eine Lampe versammelt. Manchmal ist es die Freundlichkeit eines ganz fremden Menschen, manchmal ein schönes Buch und manchmal ein plötzliches Tauwetter, wenn wir gerade zu erfrieren glauben. Wir dürfen nur nicht den Fehler machen, diese Episoden als Dauereinrichtungen anzusehen. Der fröhliche Kreis etwa, in den wir einmal gerieten, Und der uns soviel Freude mitgab, daß wir viele Tage davon zehrten, ist schon, als wir ihn zum zweitenmal aufsuchen wollten, gesprengt. Das Haus wurde beschlagnahmt, und die Teilnehmer zerstreuten sich in alle Winde. Wir gingen mit hängenden Ohren nach Hause, um die Lektion noch einmal zu lernen, daß alles, was von außen kommt, unbeständig ist, unberechenbar wie die Wellen, auf denen unser Floß treibt. Zu berechnen ist einzig und allein, daß wir besser dran sind, wenn wir auf den Wellen zu reiten verstehen, nicht schwindlich werden, wenn das Floß auf dem Wellenkamm balanciert, und wachsam bleiben, auch wenn es einmal sanft dahingleitet.

Freilich wird uns dabei immer wieder einmal die Erinnerung an den wohlregulierten, etwas trägen Fluß von einst aufsteigen. Das ist nur natürlich, Aber es bleibt uns ja die Hoffnung, daß wir eines Tages wieder einmal auf einem Schiffchen sitzen werden, das pfeilgerade seine Bahn zieht. I. B.