Der seit langem vorbereitete Angriff auf das Franco-Regime vor internationalem Forum hat begonnen. Der polnische Delegierte, Oskar Lange, hat im Weltsicherheitsrat den Antrag eingebracht, das Franco-Regime zu untersuchen, da es „den Frieden gefährde“. Ein negatives Ergebnis dieser Untersuchung nahm Dr. Lange vorweg oder setzte es voraus, indem er weiter beantragte, daß alle Nationen der UNO, die diplomatische Beziehungen mit Spanien unterhielten, diese sofort abbrächen.

Den Auftakt zu dieser Offensive bildete vor kurzem der vergebliche Schritt Frankreichs in London und Washington, einen sofortigen, gemeinsamen Abbruch der englisch-französisch-amerikanischen Beziehungen zu Spanien herbeizuführen. Die Franzosen erhielten damals die Antwort, daß die Frage des spanischen Regimes in erster Linie eine innenpolitische Angelegenheit Spaniens sei. Auf dem Umweg über die Presse wurde die Befürchtung angedeutet, ein so drastischer Schritt werde der Sache der Franco-Gegner in Spanien selbst höchst schädlich sein und zu sehr unerwünschten Folgen führen.

Polen fährt jetzt ein sehr viel schwereres Geschütz auf. In seinem Antrag beruft sich Dr. Lange darauf, daß Spanien während des ganzen Krieges die Achsenmächte unterstützt habe, Franco habe seine Häfen den deutschen U-Booten zur Verfügung gestellt und seinen Funkstationen erlaubt, mit deutschen Schiffen und Flugzeugen zusammenzuarbeiten. Deutschland habe den Aufbau der spanischen Rüstungsindustrie durch Maschinenlieferungen unterstützt. Damit nicht genug, sei Spanien auch heute noch eine Hochburg nationalsozialistischer Emigranten. Es sei „völlig klar, daß von Spanien aus sich eine nationalsozialistische Aktivität ebenso in Europa wie in Südamerika ausbreite“. Diesem offensichtlich besonders für die USA berechneten Argument fügt Polen noch den weiteren Hinweis hinzu, daß Spanien nach wie vor ein Hauptzentrum deutscher Wirtschaftskontrolle sei und in Massenproduktion schwere Waffen herstelle.

Herr Bonnet, der Vertreter Frankreichs, sekundierte Polen und fand, daß ein Hinausschieben der spanischen Frage eine Gefahr für den Weltfrieden bilde, und daß der Weltsicherheitsrat verpflichtet sei, sich mit dieser Angelegenheit zu befassen.

Inzwischen ist Franco nicht untätig geblieben. Auf französische Behauptungen, daß rund 300 000 Mann spanischer Truppen an der nordspanischen Grenze massiert seien, hat Franco mit einer genauen Aufstellung aller in Nordspanien stationierten Truppen geantwortet, die der spanische Außenminister Artajo dem britischen Botschafter, Sir Victor Mallet, überreicht hat. Darüber hinaus hat die spanische Regierung eine Einladung an England, die USA, Brasilien, Holland, Ägypten und Australien ausgesprochen, Sachverständige nach Spanien zu entsenden, um sich selbst von der Unrichtigkeit der durch Polen erhobenen Vorwürfe zu überzeugen.

Im Sicherheitsrat hat der polnische Antrag Widerstand gefunden. Mit Frankreich, Mexiko und der Sowjetunion, die die polnische Initiative sichtbar beeinflußt, endet auch die Liste ihrer Förderer. England und die USA haben aus ihrer erklärten Abneigung gegen dramatische Gesten Spanien gegenüber auch jetzt keinen Hehl gemacht. Der Vertreter Englands, Cadogan, drückte zwar seine Sympathie für den polnischen Schritt aus, wies jedoch darauf hin, daß es gerade Englands diplomatische Vertretungen in Spanien seien, die dem deutschen Einfluß entgegenarbeiteten. „Wenn wir diese diplomatischen Vertretungen jetzt zurückzögen, wäre damit das Feld in Spanien den Deutschen völlig freigegeben, und wir hätten keine Möglichkeit mehr, sie zu kontrollieren.“ Holland hielt das vorgelegte Material für nicht ausreichend, und auch der chinesische Delegierte erklärte sich als nicht überzeugt, daß das spanische Regime den Weltfrieden bedrohe. Der Brasilianer wollte dem spanischen Volke selbst die Lösung seiner Regimefragen überlassen, und nur der Russe Gromyko fand es unlogisch, den Faschismus in Deutschland und Italien zu beseitigen, ihn in Spanien aber zu belassen.

Was also tun bei soviel Widersprüchen? Der. australische Delegierte Hodgson schlug daher einen Ausschuß vor, der erst einmal die Vorfrage prüfen soll, inwieweit es sich um eine rein spanische Angelegenheit handele und inwieweit sie eine Gefährdung des Weltfriedens darstelle. Die Gelassenheit, mit der man in Madrid das allgemeine Kesseltreiben beobachtet hat, scheint nicht unbegründet zu sein.