Paris, 14. Februar 1911

... übrigens habe ich ein neues Modell – die concierge hat sie mir heraufgeschickt. Was sie dazu veranlaßt hat, weiß ich nicht. Solche Leute reden viel über Dinge, die gleichgültig sind, und haben eine Art, den Mund zusammenzukneifen, wenn sie Auskunft geben sollen, die mich maßlos reizt, und so frage ich lieber nicht. Ich weiß nicht, ist es eine Verwandte, die Geld verdienen soll, oder eine zufällige Straßenbekanntschaft, vor der die Alte sich wichtig macht. Jedenfalls ist sie da, eckig, ungelenk, mit Gliedern, die nicht zueinander passen, großen grauen Augen und einem kranken Mund. Genau so, wie ich ein Modell nicht mag. Ich habe sie gemalt – Haar und Haut stehen gut zueinander, wenigstens auf meiner Skizze.

Paris, 18. Februar 1911

... Heute morgen war sie wieder da, das Modell nämlich, von dem ich Dir neulich schrieb. Ich hatte ihr nicht gesagt, daß sie noch einmal kommen sollte. Um sie loszuwerden, schlug ich ihr vor, sie solle sich ausziehen. Sie tat es sofort. Ihre Unterwäsche ist schrecklich geflickt. Sie muß sehr arm sein. Der Körper ist nicht ohne Reiz, Arme und Schultern knabenhaft, das Becken im Verhältnis zu breit. Die Brüste klein und spitz wie bei einem Tier – ein weiblicher Faun. Ich habe eine große Aktstudie angefangen – nun wird sie also noch oft kommen müssen – merkwürdig, obgleich ich sie eigentlich nicht mag, erregt mich diese Aussicht.

Paris, 14. März 1911

... Die Aktstudie habe ich zerschnitten, große-Formate liegen mir nicht. Busson behauptet, dies sei ein Versagen weniger des Könnens als des Charakters. Er wirft mir Mangel an Fleiß, Ernst, Männlichkeit, und ich weiß nicht was noch, vor. Es ärgert mich, weil ich fühle, daß er recht hat (besonders mit dem „ich weiß nicht was noch“). Ich habe ein neues Bild angefangen, 70 : 120 cm, das ist eine Leinwandgröße, auf der ich mich wohlfühle. Corinne – ich habe sie Corinne getauft, eigentlich heißt sie Berthe, ein Name, den ich hasse – in einem hellblauen Stuhl sitzend vor einer offenen Balkontür, der Akt in einem bläulichen Rosa, ganz ohne – Schatten hingestrichen, der Fußboden englischrot mit schwarzen Fugen, die Tapete neapelgelb, in sich gemustert, die Vorhänge grau und die Hauswände, Dächer und Himmel, die man im Ausschnitt sieht, in den Farben des übrigen Bildes, nur heller, luftig und ins Graue gedämpft. Die schwarzen Haare sind der einzige dunkle Akzent im ganzen Bilde. Auf dem Fußboden neben dem Stuhl liegt die Unterwäsche. Da ich kein Weiß im Bild haben wollte, habe ich sie in einem hellen Beige gemalt, Weiß mit Umbra gebrochen, die Spitzen übertrieben groß wie ein Gitterwerk. Corinne hat so sehr darum gebeten. Ich habe ihr – neue Wäsche geschenkt, und sie bestand darauf, daß sie mit auf das Bild käme, „um dort dankbar zu sein“, wie sie sagte. Sie hat manchmal bezaubernde Einfälle.

Paris, 30. März 1911