Von Josef Marein

Das Gerüchtemachen, der Erfahrungsaustausch, das Hörensagen haben die Städte Deutschlands in fette und magere eingeteilt. So gelten Oldenburg in der englischen, Heilbronn in der französischen, Passau in der amerikanischen und Schwerin in der russischen Zone für wahrhafter als andere gleich große – oder besser: gleich kleine Städte. Ob mit Recht oder Unrecht, sei dahingestellt. Jedenfalls spielen derlei Erwägungen eine so mannigfache Rolle, daß neulich zum Beispiel ein namhafter Künstler angesichts eines Engagementsangebots aus Oldenburg sofort geneigt war, zuzusagen. "Kunst geht nach Butter" äußerte er sarkastisch.

Was soll man nun im Falle von Lucie Höflich und Paul Henkels sagen? Beide Darsteller haben sich entschlossen, ihrem geliebten Berlin, der Stadt ihrer Bühnen- und Filmerfolge, den Rücken zu kehren und fortan am Landestheater Schwerin zu wirken. Allerdings, man hat mancherorts erfahren; daß Künstler, zumal Darsteller in der russischen Zone, zu den bevorzugten Berufen gehören. Offensichtlich teilen die Sowjetbehörden nicht die alte Ansicht: "Wäsche weg! Die Schauspieler kommen." So gesehen, hätten weder Lucie Höflich noch Paul Henkels Ursache, Wohnort und Wirkungskreis zu wechseln.

Aber Humoristen pflegen realistisch zu sein. Und ein Realist sieht sehr, wohl, daß Berlin die totgefährliche Krisis immer noch nicht überstanden hat. Die zentrale Anziehungskraft Berlins, die auf kulturellem Gebiet dennoch gottlob nie so groß war wie die Magie etwa von Paris, ist jedenfalls dahin. Die Dezentralisierung hat eingesetzt, und man weiß nicht einmal, ob man das bedauern soll.

Diese Vorgänge erscheinen auch keineswegs neu, sie wechselten nur ein wenig die Form und sicherlich ihre Bedeutung. Zuerst war es wie beim Ausverkauf. Jede Provinzstadt, die etwas auf sich hielt, unternahm den Versuch, sich ein erstklassiges Zugpferd aus dem Stall der Berliner Prominenz zu sichern. Aber die Stars hatten Angewohnheiten der Stare: sie wanderten und zeigten keine Lust, sich binden zu wollen. Sie hatten noch Allüren. "Ein Gastspiel dann und wann", sagten sie, "mehr nicht!" Spielten sie zunächst noch "Königin für eine Nacht", so sind sie heute bereit, ordentliche Eheverträge einzugeben. Sie wissen: Mit dem Spielfilm ist’s aus, jedenfalls noch für lange Zeit. Die hohe Steuer läßt Höchstgagen auch nicht mehr so erstrebenswert erscheinen. Das Biedermeier der Prominenz bricht an.

Es kommt etwas anderes hinzu. Andere Großstädte, die bei weitem nicht so schwer betroffen wurden wie Berlin, zum Beispiel auch Hamburg, scheinen in mancher und gerade künstlerischer Hinsicht von der Initiative übertroffen zu werden, die in viel kleineren Städten heutzutage wirksam ist. Große Städte – große Sorgen! Die kleineren scheinen sich eher einrichten zu können. Man hört so mancherlei. In der einen Stadt spielt man ausgezeichnet Theater, in der andern gründet man ein Konservatorium mit besten Lehrkräften, in einer weiteren hat man das Orchester verstärkt wie nie zuvor. Und drüben nun hat man sich Lucie Höflich und Henkels gesichert. Alle diese Kräfte kommen aus Großstädten, in denen ihnen – nicht aus eigener Schuld – kein neuer Start gelang.

Man mag dies aus der Großstadtsicht heraus bedauern. indessen ist kein Zweifel, daß der Anfang neuer und offenbar gesunder, Kulturblüte in den kleinen Städten für das Gesamte auch sein Gutes hat