Von Gerhard F. Hering

I.

Man ist vollzählig. Meister Peter Squenz, der biedere, hat um sich geschart, was in Athenfür tüchtig gilt, vor Herzog und Herzogin zu agieren – „an seinem Hochzeitstag zur Nacht“. Der entscheidende. Augenblick ist da, die Rollen werden verteilt! Shakespeare, unvergleichlich eingeweiht in die Magie des Theaters, hat in den nun anhebenden Rüpel-Szenen der welthaltigen Naturmythe vom „Sommernachtstraum“ besonders tiefsinnig über das Schauspielertum gescherzt. Da steht, jedem von uns unvergeßlich, Klaus Zettel, der Weber. Er ist „als Pyramus angeschrieben“. Was aber möchte der täppische Akteur gern wissen? Sein Rollenfach. Was Pyramus sei; Liebhaber oder Tyrann? So erklärt Meister Squenz, unmißverständlich: „Ein Liebhaber, der sich auf die honetteste Manier vor Liebe umbringt.“ Schön! Dergleichen soll ihm, dem Zettel, wohl glücken, er werde „einigermaßen lamentieren“. Indes – seine Lust bleibt ungestillt: „Eigentlich habe ich doch das beste Genie zu einem Tyrannen.“ Er könnte „einen Herkies kostbarlich spielen, oder eine Rolle, wo man alles kurz und klein schlagen muß.“ Genügt das? Entschieden nicht: „Wenn ich das Gesicht verstecken darf, so gebt mir Thisbe auch“, wünscht der vielgestaltige Nimmersatt. Wie er aber hört, des Löwen Rolle, unaufgeschrieben, sei „extempore“ zu machen – „es ist nichts wie brüllen“ – da überwältigt’s ihn vollends: „Laßt mich den Löwen auch spielen!“ Der Allerweltsmime ist geboren – und sein unsterbliches Feldgeschrei.

Es ist nicht der (jedem Schauspieler, so auch Shakespeare, eingeborene) Rollenhunger selbst, dessen geheime Zeichen der königliche Dichter hier kundig entziffert. Klaus Zettel, der Weber, versinnlicht tiefere Bezüge: Die Urspannung zwischen dem Wollen und dem Vollbringen, zwischen dem Traum und seiner Verwirklichung, zwischen dem Anspruch und dem ihn bezwingenden Vorrat handwerklicher Mittel. Genau diese Urspannung hat Shakespeare in Zettels weiteren Szenen greifbar gestaltet, indem er den uferlosen Wunsch des Allerweltsmimen ad absurdum führt. Der Liebhaber und Löwe zugleich spielen wollte, muß nach Drolls Wink Liebhaber und Esel sein. Was er nach eigener Wahl spielt, schwülstig und gestelzt, erweckt gewaltiges Gelächter; was er, vom Elementargeist verzaubert, wider Willen spielt, wirkt sicher, bieder, echt.

Klaus Zettel ist der Ahnherr derer, die alles wollen und darum so gut wie nichts vollbringen. Seine Losung aber – „Laßt mich den Löwen auch spielen!“ blieb das Feldgeschrei derer, die sich nicht verwirklichen, weil sie wider ein Grundgesetz allen schöpferischen Lebens freveln: das Geheimnis der Grenze.

Nicht „alles“ sein zu können, ist. eine gemeinmenschliche Not. Das Theater als Kunst hat sie, zu seinem höheren Ruhme, zur Tugend gemacht. Welches „Fach“ man spiele, weisen die gottgegebenen Grenzen. Körperlich und geistig bleibt jeder, der sich verwandeln will, „individuell“ veranlagt. Der eine wird eher Sprecher sein, der andere eher Spieler. Der eine wird eher empfinden, der andere eher nachahmen. Der eine wird eher „Liebhaber und Helden“ wählen, der andere die vielschichtigen „Charakterrollen“. Oder er wird – auch dies ein gemeinmenschliches Bedingnis des Überganges aus der einen, Lebensalter genannten, Begrenztheit in die andere – organisch aus dem einen „Fach“ hinüberwachsen in das andere.

II.