Von Walter Hilpert

Die Naturkunde kennt Wirkstoffe, die noch in mikroskopischen Spuren Wachstumserscheinungen zeitigen, ohne daß die Gegenwart dieser Stoffe bemerkt wird. Wenn es erlaubt ist, diesen Vorgang der Natur als Bild in das Reich des Geistigen zu übertragen, so wäre das Lebenswerk Johann Georg Hamanns, des „Magus im Norden“, solch ein geheimer Wirkstoff zu nennen, der einmal hineingestreut wurde in den geistigen Wachstumsprozeß, dessen Gedanken sich auflösten, verteilten und in feinsten Spuren hier fördernd, dort hemmend das Werden vieler Geister beeinflußten. (Und es ist wohl nicht nur Zufall, daß bis heute keine kritische Gesamtausgabe vorliegt; es ist aber zu hoffen, daß die begonnenen Vorarbeiten, davon die Korrekturfahnen der ersten Bände schon abgezogen waren, durch den Krieg nicht zerstört sind.)

Wer war Johann Georg Hamann? Auf dem Jugendbildnis im Nachtgewand mit buntem Kopftuch (so gemalt für den Vater, wie er ihm morgens entgegenzutreten pflegte) blicken zwei große fragende Augen aus dem schmalen Gesicht mit dem sinnlich sprechenden Munde. Ein späteres Gemälde zeigt ihn konventioneller im Reisehabit, der Ausdruck ist gütiger, gereifter. Sein wahres Porträt wäre nur dem Pinsel eines expressionistischen Meisters gelungen.

Wie wäre das Wesen eines Menschen darzustellen, das sich in so skurrilen Gegensätzen bewegte wie diesen: Am frühen Morgen frißt er noch im Bett ein Werk von Berkeley oder Hume in sich hinein; am Vormittag hockt er einige Stunden im Amt, eine langweilige Akte kopierend; auf dem Heimweg springt er in den Kanterschen Buchladen, stöbert die neuesten Eingänge und Briefe durch, trifft Magister Kant, den Bürgermeister Hippel, durchreisende Gelehrte, disputiert über die Kunstregeln Diderots und den gesellschaftlichen Kontrakt bei Rousseau, schreibt Antworten; schleppt ein „Autorenhonorar“ seines Verlegers Hartknoch heim, davon er drei Haselhühner an Herrn Kant-, abgeben muß; über das Fäßchen Kaviar aber fällt er sogleich mit seinen Kindern her, daß er am nächsten Morgen mit einem Fluß- und Magenübel daniederliegt, worüber er dem Freunde Herder in hypochondrisch-selbstironischer Wut einen sezierenden Krankenbericht schreibt. Banale Alltäglichkeiten, sinnlichste Freuden und der höchste Flug der Gedanken.

So etwa ein Alltag dieses Polyhistors, dieses „wahren Pan“ (wie ihn Jacobi charakterisiert hat), dieses „Magiers“, dessen Leben 1730 in der Stube des altstädtischen Wundarztes zu Königsberg begann. Er stürzte sich in die Wissenschaften, leidenschaftlich, planlos. Eine „Säule, von Büchern umhängen“, nannte ihn die Herrin seiner ersten Hofmeisterstelle, wo er scheiterte wie bei den Handelsgeschäften im Hause seines Freundes Berens in Riga. Er reiste mit wichtigen Aufträgen 1756 nach London und geriet seelisch und körperlich an einen Abgrund. Die Bibel erweckte ihn, er brach mit der Vergangenheit; kehrte zum kranken Vater heim, studierte weiter, las und sammelte Bücher. Der Student Johann Gottfried Herder ging bei ihm aus und ein. Bürgerliche Tugenden, Examina, Stellung, Einkünfte, Gesellschaft bedeuteten ihm nichts, er lebte vom Vermögen der Eltern, behielt die Magd des Vaters im Hause, die ihm vier Kinder schenkte, und begann erst bei drohender Not einen Broterwerb als Übersetzer, später Packhofverwalter bei der Zolldirektion, ein kleines Amt mit kärglichen Einkünften. Was das Joch dieses Amtes ihm aufzwang, hatte nichts gemein mit seinem eigentlichen Dasein, dessen Weltweite in ironischem Widerspruch stand zur Armseligkeit seiner Hütte. Da kamen ihm Briefe ins Haus von Herder, Lavater, Mendelssohn, Jacobi, Claudius, und Antworten wanderten hinaus und wurden von Hand zu Hand gegeben in Weimar von Herder, an Wieland, Goethe und den herzoglichen Hof, in Darmstadt, Basel, Wandsbek und Münsterland an die Freunde im Geiste. Eine Reise zu ihnen war der letzte verzehrende Wunsch des kränkelnden Fünfzigers. Er bettelte um Urlaub und wurde verabschiedet, reiste dennoch als ein Kranker und erreichte die Fürstin Gallitzin im Münsterland. Sein sehnlichster Wunsch war, weiter zu Herder nach Weimar. Der Tod beendete 1788 seine Reise vor dem irdischen Ziel.

So widerspruchsvoll dieses Leben, so wechselnd auch die Deutungen durch die Mit- und Nachwelt. Die Summe dieses Lebens ist kein säuberlich zu errechnender Posten unter einer klar geführten Bilanz. Also ein Sonderling, ein Kuriosum? Das wäre nur negativ geurteilt, wie auch der Vorwurf der pietistischen Schwärmerei verfehlt ist, trotz seiner „Höllenfahrt der Selbsterkenntnis“ an der Bibel. Dazu war er zu sehr geschult in den Denkpraktiken seines rationalistischen Jahrhunderts. Aber innere Anlage seines Geistes zwang ihn, in der Denkart seiner Zeit nicht mitdenken zu können. Denn in diesem Geiste lebten Vernunft und Leidenschaft, Logik und Phantasie, der kindlichste Wunsch. die natürlichste Gier, die bewegtesten Bilder, die erhabensten Gedanken. „Ich bin das wunderbarste Gemisch von extremis“, bekannte er, „mein Eigensinn beruht auf zwei Stücken: nichts oder alles tun: das Mittelmäßige ist meine Antipathie; eher eines von den Äußersten.“ Und so war alles, was er tat und schrieb, leidenschaftlich, mit allen Sinnen und Kräften. „Bei mir ist von Sturmwinden die Rede, die man sausen hört.“

Wogegen er anstürmte, war der Geist seiner Zeit, wie er ihn reden hörte aus dem Freunde Berens, aus Nicolai, Mendelssohn, den hundert Tagesskribenten und auch aus Kant. Die kühle systemsuchende Ratio der Aufklärung,. die „geschminkte Weltweisheit einer verpesteten Menschenfreundin“ war seine Gegnerin. Wie konnte er dulden, daß man zergliederte und untersuchte? „Leben ist actio“, ein Ungeteiltes, Bewegtes und Bewegendes. Mit soldatischer Ironie und meisterlich gespieltem Witz (dessen Nachklang man bei Hippel, Jean Paul, Arno Holz suchen muß) setzt er dem analysierenden Zeitgeiste die Einheit der Schöpfung entgegen; der trockenen Pedanterie der französischen Kunstregeln das Genie Shakespeares; der Dürre der logisch gegängelten Natur die Fülle des ungeteilten Lebens: dem vernünftelnden kühlen Kirchenglauben das Erlebnis religiöser Wahrheiten in der Offenbarung Gottes in Natur und Bibel. Der Kantischen Frage: Wie denken wir? stellt er die andere entgegen: Wodurch ist Vernunft überhaupt erst möglich? Wodurch denken wir? Und seine Antwort: Durch Sprache. Des Menschen Sprache ist ein heiliges Geschenk Gottes; indem ich spreche, wiederhole ich Gottes Schöpfungsakt am ersten Tage, da er sprach: Es werde. Die Göttlichkeit und Unteilbarkeit dieses Vorgangs ist für ihn das A und O aller Vernunft, wir denken in Sprache, „ohne Wort keine Vernunft, keine Welt“. Hieraus leitet sich jedes ethische und ästhetische Gesetz ab. Ist die Welt durch das „Wort“ erschaffen, so ist die Schöpfung das „Buch“, in dem wir zu lesen haben. Das „Buch der Natur“ war für Hamann keine Metapher, sondern erlebte Wirklichkeit, und er selbst, sein Dasein, war das erste und beste Buch seiner Autorschaft.