Berlin, im April

Lieber Richard Tüngel!

In Ihrer schönen Besprechung über ein neues Buch von Francis Carco, ein Buch, im Exil geschrieben, voller Heimweh nach Paris, seinem Geist, seinen Menschen und seinen Maßstäben, richten Sie am Ende Ihre Gedanken auf Berlin. Melancholische Gedanken, wie es ja nicht anders sein kann. „Carco könnte Paris wiederfinden“, schreiben Sie, „Berlin ist eine Trümmerwüste und wird nie wieder so erstehen wie es war. Werden die Menschen, die auch dieser Stadt den Maßstab gaben, mit ihrer Lebensfreude, ihrem Witz, ihrer scheinbaren Härte und steten Hilfsbereitschaft den alten Geist bewahren können?“

Ich will versuchen, auf diese Fragen einzugehen und wenigstens die Elemente einer Antwort zu finden. Sie erinnern sich dabei, daß ich in meinem letzten Berliner Brief versprach, Ihnen von den Menschen dieser Stadt, so wie sie heute ist, zu berichten. Nichts kann gewagter sein, ich weiß es, „weil man zwar den Schaden einer Stadt abmessen kann, weil man zwar Wasser, Gas, Elektrizität wieder in Gang bringen kann, aber weil sich niemals messen läßt, was mit Menschen geschehen ist“. Es ist eine Frau, der wir diese Worte verdanken; am Abend eines Berliner Tages notierte Mrs. Roosevelt sie in ihr Merkbuch.

*

Lassen Sie mich ein wenig ausholen. Vor einigen Wochen begegnete ich einem Mann aus Basel. Er kannte Berlin von früher, jetzt hatte ihn Amtliches auf einen Sprung hierhergeführt. Eben war er mit der U-Bahn durch die unterirdische Stadt gefahren, kreuz und quer, soweit das Netz reichte. Er schien eigentümlich benommen. „Was für Gesichter!“ begann er kopfschüttelnd. „Alle wie hinter einem Visier. Ich meine nicht, daß sie grau und scharf und über ihre Jahre, alt aussehen. Wen sollte das wundern! Ich meine diese sonderbare Blicklosigkeit, dieses Augenverstecken oder was es ist. Nirgends habe ich Augen gesehen. Keiner schaut den andern an. Auf den Umsteigebahnhöfen warten sie, Mann bei Mann, dicht gepreßt. Aber keiner scheint seinen Nachbarn zu bemerken. Sie führen sich auf wie sehende Blinde. Dann sitzt man wieder ihnen gegenüber, aber man fängt keinen Blick. Es ist unheimlich. Wohin sehen sie? Was geht hinter diesen Stirnen vor?“

„Wenn man täglich durch Ruinen geht, gewöhnt man sich das Sehen ab“, antwortete einer. Aber jeder von uns wußte, daß es nicht traf. So einfach war es nicht.