Von Hans W. Meidinger

Wir wohnen in geheizten Baracken. Zu den Mahlzeiten setzen wir uns an gedeckte Tische. Und zweimal am Tage werden wir auf der Lagerstraße. „gezählt“. Wenn der amerikanische Sergeant das Zeichen gibt zum Wegtreten, löst.sich der geordnete Block der Sechstausend: wir fluten zurück in unsere Unterkunftsräume. Dort warten wir. Auf ein neues Gerücht. Wir alle möchten nach Haus.

„Dienstag nächster Woche soll es losgehen“, sagt einer und fügt hinzu: „Aus zuverlässiger Quelle.“ Im nächsten Augenblick umringen ihn zehn, zwanzig Männer, die eben noch gleichgültig auf ihren Betten saßen. So stark elektrisiert sie eine Nachricht über den vermutlichen Abtransport nach Europa. Morgen wird es heißen: „Freitag nächster Woche“, und übermorgen: „Mittwoch“, immer: „Aus zuverlässiger Quelle“, und sie werden den einen Termin mit dem gleichen Heißhunger fressen wie den anderen. Sie gieren förmlich nach Gerüchten.

Es ist ein Durchgangslager, die erste Station auf unserem Wege zur Heimat. Wir sind eingekleidet, die Papiere überprüft, wir stehen sozusagen mit einem .Bein schon jenseits des Stacheldrahtes. Wir warten. Manchmal wehen Hiobsbotschaften durch das Kamp: „Schlepperstreik im Neuyorker Hafen, Eisenbahnerstreik, Hauptverkehrsstrecken für Gefangenenzüge gesperrt.“ Das bedeutet, daß der Abtransport verschoben wird. Und man möchte doch so gerne heim.

Kein Schiff und nur wieder Stacheldraht. Es scheint so, als müßte man erst viele Schleusen passieren und an jeder einzelnen Schleuse mehrere Tage warten, ehe man weiterkommt auf dem Strom zur Heimat. Im Einschiffungslager stauen sich die Massen. Waren es im Durchgangslager sechstausend Männer, so sind es hier fünfzehntausend, heute mehr und morgen weniger. Wenn die einen kommen, gehen andere. Immer heult ein scharfer Wind um die Baracken, und die Fünfzehntausend spüren die Nähe des Ozeans, das nahe Schiff. Neuyork liegt nur 15 Kilometer weit. Die Gewißheit der kurzen Entfernung söhnt fast mit dem Schicksal aus.

„Je näher wir der Heimat kommen, desto schwieriger wird es mit uns“, sagen viele. Die Baracken wurden grau und unfreundlich. Das letzte Kamp ist kaum noch geheizt. Es schlafen nun zweihundert in einem Raum, und nicht mehr fünfzig. Der Auslauf ihrer Bewegungsfreiheit ist kleiner geworden, und es fehlt ein stiller Platz. Die Gefangenen haben auch keinen Namen mehr, nur noch eine Nummer.

„Trotzdem haben wir es noch gut hier. Ihr werdet euch umsehen“, sagen die älteren Kameraden. „Was? Gut? Schlimmer kann es auch nicht in Europa werden.“ Und dabei haben wir ein Dach überm Kopf und täglich unser warmes Essen, und wir waschen uns unter heißen Brausen.