I.

Bewußter und energischer als es offensichtlich bisher der Fall ist, sollte die Besinnung auf die Jahre 1918 bis 1933 erfolgen. Denn die Weimarer Republik ist ja der erste, wenn auch schließlich gescheiterte Versuch, das deutsche staatliche Leben in die politische Existenzform des 20. Jahrhunderts, nämlich die Demokratie überzuführen. Wie schon manchmal in seiner Geschichte – am eindrucksvollsten geschah es in den Jahren zwischen 1804 und 1813 – sah sich Deutschland veranlaßt, sein Staatsleben unter der Einwirkung des europäischen Westens zu verjüngen.

Von einem der scharfsinnigsten Beobachter der modernen europäischen Entwicklung, von Jakob Burckhardt, stammt das Wort, Rousseaus Staatsideal, der Contrat social, sei ein wichtigeres Ereignis als Friedrich der Große und der Siebenjährige Krieg. Eine grundlegende und gerade aus dem Munde des großen Schweizer Bildungsaristokraten und Massenverächters ungemein schwerwiegende Erkenntnis, die verhängnisvollerweise dem reichsdeutschen Bürgertum verborgen blieb. Vereinzelte Schriftsteller und Denker, wie Rathenau oder die Brüder Max und Alfred Weber, die zur Zeit des ersten Weltkrieges auf die Notwendigkeit der Umformung der konstitutionellen Monarchie in eine parlamentarisch – demokratische Staatsform hinwiesen, blieben ja unverstandene Außenseiter; jedenfalls gelangten sie nach dem Kriege zu keiner Einwirkung auf die aktivistische deutsche Jugend. Im Gegenteil – mit großem Erfolg bei unserer so unpolitischen gebildeten Schicht hat vielfach die deutsche staatswissenschaftliche Literatur nachzuweisen versucht, daß es eigentlich Demokratie nicht gebe und nicht geben, könne, daß kein in der Wirklichkeit existierendes Staatswesen dem Begriff der Demokratie richtig entspreche.

Von allen solchen übermäßig begrifflichen und übermäßig analysierenden Betrachtungen muß ein realitätsbewußtes politisches Denken weiten Abstand zu gewinnen suchen! Man muß sich darüber klar sein, daß die moderne abendländische Demokratie ein zwar vielfältig zusammengesetztes, aber dabei höchst lebensvolles politisches Gebilde ist. Diese komplexe Staatsform, entstanden aus den in unsere Gegenwart fortwirkenden Ergebnissen der Englischen, Amerikanischen und Französischen Revolution, beherrscht die heutige politische Welt; aus der englischen Revolution des 17. Jahrhunderts und aus dem amerikanischen Unabhängigkeitskampf des 18. Jahrhunderts stammen die Idee der Selbstregierung des Volkes, nämlich der Parlamentarismus, und der Anspruch auf gesetzlich geschützte Menschenrechte, nämlich der Liberalismus Demokratie im eigentlichen Wortsinn als Volksherrschaft versuchte die Französische Revolution zu verwirklichen – und zwar im Jakobinertum schon in der Form der totalitären Diktatur.

Dem Ideal des modernen Verfassungsstaates war das von Bismarck gegründete Deutsche Reich dem Anschein nach angeglichen. Das geeinigte Deutschland nannte sich eine konstitutionelle Monarchie. Ein auf Grund des allgemeinen Wahlrechts gewählter Reichstag kontrollierte – wie ja auch in der österreichisch-ungarischen und seit 1906 in der zaristischen Monarchie – die Staatsführung auf finanziellem und rechtlichem Gebiet. Aber bei näherer Betrachtung hat sich noch niemand darüber getäuscht, daß das wilhelminische Deutschland seinem Wesen nach ein monarchisch-feudalistischer Obrigkeitsstaat blieb; die Regierung war in den Hauptfragen der Außen- und Innenpolitik nur dem Monarchen verantwortlich, die Krone wählte im Reich wie in Preußen ihre Ratgeber nur aus dem monarchisch gesinnten Adel und Beamtentum. Während dieses System von der politischen Organisation der deutschen Arbeiterschaft, der Sozialdemokratie, grundsätzlich bekämpft wurde, fanden sich die großen Parteien des Bürgertums mit ihrem Ausschluß von der Verantwortlichkeit ab. Die Hauptursache hierfür ist doch wohl der überwältigende Eindruck der staatsmännischen Kraft Bismarcks gewesen. Eine echt deutsche, im Grunde literarisch-ästhetische Freude an der großen, man möchte sagen, der kolossalen Persönlichkeit, jener maßlose Kult des „großen Mannes“, der dann in unserer jüngsten Vergangenheit so verhängnisvoll aufgelebt ist, verdrängte oder lähmte den Willen zur politischen ’Mitverantwortung. Das chinesische Sprichwort „Ein größer Mann ist ein öffentliches Unglück“ entspricht gewiß nicht unserem europäischen Empfinden. Aber doch möchte man den Deutschen zurufen: Fordert nicht unausgesetzt vom Schicksal den großen Mann, achtet vielmehr, wenn er sich zeigt, den bedeutenden Mann!

Jedenfalls ist daran kein Zweifel möglich, daß unter der Einwirkung und dem Eindruck von Bismarcks Übermächtigkeit sich keine fähige politische Oberschicht gebildet hat. Der preußische Adel, dem auch im Reich ein übergroßer politischer Einfluß verblieb, hat immer nur militärische und landwirtschaftliche Tüchtigkeit bewiesen, politischer Sinn ist ihm in seiner Masse, dem sogenannten Junkertum, nur allzu fremd geblieben. Kein wesentlich anderes Urteil wird man über das Großbürgertum gewinnen können. Rathenau hat anläßlich des ersten Weltkrieges aus bitterer Erfahrung heraus auf die Unterlegenheit der preußischdeutschen Aristokratie und ^Bürokratie gegenüber dem westeuropäischen Führertum hingewiesen – sie offenbarte sich in verhängnisvoller Weise schon in der Entwicklung, die zum Kriege von 1914 geführt hat.

II.