Von Paul Appel

Professor Heinrich Tessenow, nach 1993 zwangsläufig emeritiert, hat seine Professur an der Technischen Hochschule in Berlin wieder übernommen.

Wenn reine Sinne, Bescheidenheit und Unbetontheit im Menschlichen, wenn Klarheit, Verläßlichkeit und ein gewisser Grad von Anonymität im Geistigen als Zeichen modernen Menschentums gewertet werden dürfen, so ist Heinrich Tessenow wie wenige eine repräsentative Gestalt unserer Zeit. Dieser Mann, dem wir Verehrung schulden, hat die berechtigten Bedürfnisse unserer modernen soziologischen Struktur wie auch die Selbstbeschränkungen, die ihr notwendigerweise zugehörig sein müssen, für sich entdeckt und sie leise und weise in einem Unverwechselbaren Baustil zum Ausdruck gebracht. Diese Tatsache ist an sich schon als Leistung erstaunlich. Sie ist aber ein Phänomen auch noch insofern, als das tastende Stilgewinnen so mancher Generationsgenossen, der bunte Umweg vom bunten Jugendstil bis zur Klärung in der modernen Baugesinnung für ihn hinfällig ist: vom ersten Grundriß, von der ersten Werkzeichnung an ist er Heinrich Tessenow und bleibt es.

Den besten Zugang zu seinem Schaffen bietet er selber, der Mensch Tessenow. Er ist eine klassische, eine ländlich-klassische Natur. Auch wer die beiden bisher veröffentlichten Hauptschriften vom „Hausbau“ und der „Kleinstadt“, in denen er in einer lockeren, tief humorigeri und doch wieder genauen Weise die Elemente seiner Kunst- und Weltvorstellung langsam hinerzählt, nicht kennt, wäre dennoch fähig, ihm den Extrakt seiner Gedanken vom Gesicht abzulesen. Dieses Gesicht ist offen, einfach, ohne Fassade. Ein treulicher Mensch, muß man denken, ein sehr gelassener Mensch. Aber man mag sich vorsehen dabei. Tessenow ist kein aus dem Naiven stiler Mann, sondern ein stillgewordener. Wer ihm zuhören konnte, wenn er etwa die Bauplanung einer modernen Großstadtsiedlung in seiner idyellen Essenz vor dem Modell entstehen läßt, der weiß, welche hohe Besessenheit, welche Aktivität, ja welche Dithyrambik ihn beherrschen kann.

Architektonische, bautechnische, bauästhetische Überlegungen mein dürften nicht genügen, sein Schaffen näher zu bestimmen. Sein Stil enthüllt sich, auch wenn er selber immer nur von der Herleitung aus dem Handwerklichen spricht, in Unbedingtheit als eine Angelegenheit seelischen Erfassens, seelischen Vertiefens. Ehe der Baumeister spricht, spricht ein sittlich-ästhetisches Individuum. „Ich mag das Tolle in der Kunst nicht“, äußerte er einmal, „und ich mag keine Sensation.“ Damit ist haargenau jene Vollempfindung wiedergegeben, die sich vor Tessenows Arbeiten aufdrängt. Diese Bauten oder die Entwürfe dazu sind samt und sonders entstanden aus der Rückführung auf das Gültige, das menschlich Zulässige, auf ein schlicht Unmittelbares, ein zart Evidentes. Klug, gewissenhaft und zärtlich durchempfunden, verschmähen sie alles, was vor dem edel Allgemeinen keinen Bestand haben kann: das Überbetonte, das Willkürliche an Proportion, das Unkontrollierte an Form, das Zuviel an Detail, das Zuwenig an Klang und jede Architekteneitelkeit und jeden modischen Bluff dazu. Auch etwas, das nach einem spezifisch sozialen Klassenbewußtsein schmecken könnte, sucht man bei diesem Melodiker des Anstands vergeblich.-Sein Siedlungs- und Arbeiterhaus hat kein ästhetisch minderes Gesicht als ein öffentlicher Kultbau von seiner Hand, und seine bürgerlichen Wohnhausplanungen zeigen die gleiche Delikatesse an Formsinn wie die größer angelegte Konzeption etwa eines Herrenhauses.

Diese Einhelligkeit des Durchempfindens wirft auch Licht auf Tessenows Unbefangenheit gegenüber historischen Stilformen. Diese Unbefangenheit ist kostbar. Können die Bauleistungen anderer Epochen, andere: Völker ihm bei der Durchführung seiner Ideen Winke vermitteln, so nimmt er sie an: ein wahrhaft Produktiver weiß von keiner höheren Ehrfurcht als der, die er vor der Tradition empfinden kann, und Annehmen ist hier nur eine andere Form von Danksagen. Von dieser noblen inneren Ordnung her ist etwa auch Tessenows Verhältnis zum Klassizistischen und Biedermeierlichen zu verstehen. Unbefangen durchlebt er den Formenschatz der Vorgänger, glücklich über seelische Nähen, die sich bieten, und doppelt glücklich, wenn sie ihm zur Steigerung bei seinem geschichtlich und persönlich völlig anders fundierten Schaffen verhelfen. Heinrich Tessenow und der Klassizismus ist ein wunderschönes, wenn auch nicht gerade sehr leichtes Seelen- und Baumeisterthema; denn daß er in der Linie blieb, ohne, im Produktiven davon beschattet zu werden, gibt mancher seiner einmaligen Leistungen einen besonders denkwürdigen Akzent.

Das Form’schaffen Heinrich Tessenows ist im übrigen viel gestaltreicher viel nuancierter, als wir es bis jetzt wissen. Von welcher Wachheit, welcher Klangkraft der Vorstellung wird es doch getragen! Die bedeutenden Bauzeichnungen, die sich wie Blätter eines Malers lesen lassen, kennt sicher mancher. Sie sind wie Gedichte. Aber was besagen selbst sie noch gegen den Zauber der Tessenowschen Grundrisse! Wer sie nicht studiert hat, weiß wenig oder nichts von der noblen Hand dieses bauenden Aristokraten. Kein Grundriß, der nicht liebend wäre im sozialen Wortsinn! Und keiner, der nicht eine scharfe Kontrolle über sich ergehen lassen könnte. Wenn man sich wiederholen will, daß das Schöne aus dem Nützlichen erwächst, so greife man zu Tessenowschen Grundrissen!

Gebaut hat Heinrich Tessenow nicht allzuviel. Er selbst meinte: „Ich habe es nicht verstanden, Aufträge zu bekommen.“ Aber diese Äußerung ist sicher nicht mehr als eine Behelfsaussage. Schaut man tiefer, so erkennt man, daß Anlage, Trieb und Temperament ihn mehr als andere Baumeister von Namen ins Innen, ins Meditative und an jenen Punkt heranführen mußten, von dem aus die Wesenheiten der Kunst immer wieder neu geprüft und empfangen werden, müssen. Seine Aktivität ist daher nur als eine geheime, sehr langsam wirkende Aktivität zu fassen. Es ist eine Aktivität ähnlich der Stifterschen. Man mag es bedauern, daß auf seinem Werdenswege von München aus über Wien, Hellerau bis zu seiner akademischen Lehrtätigkeit in Dresden und Berlin nur ein bescheidenster Bruchteil seiner Entwürfe Wirklichkeit wurde und daß das Hellerauer Projekt der Dalcroze-Schule (dessen erster Plan übrigens sehr viel schöner war als die nunmehrige Ausführung) und das dem Krieg zum Opfer gefallene Reichsehrenmal die einzigen Schöpfungen geblieben sind, die stärker ins öffentliche Bewußtsein drangen. Aber diese Feststellung hat wenig Gewicht für Tessenows Geltung und Bedeutung innerhalb der abendländischen Baugeschichte. Wenn einmal – das Buch geschrieben sein wird, das Tessenows Stellung umreißt und sein gesamtes Schaffen, seine vielartigen und nicht zur Ausführung gekommenen Planungen geschlossen vorführt, erst dann wird der Maßstab gegeben sein, der diesem wahrhaft schöpferischen Baumeister gegenüber angebracht ist.