Im Jahre 1942, als Paris besetzt war, wurde dort auf 42 Bühnen Theater gespielt. Solcher Fülle kann sich München nicht rühmen. Es ist ja auch kleiner. Immerhin aber führt der Theateranzeiger zehn, mit dem Marionetten-Theater sogar elf Bühnen auf, und das ist mehr, als München in Friedenszeiten, besaß. Während es in einem fetteren Ehemals mit sechs oder sieben auskam, scheint es fast, als seien ihm jetzt, in der Not, auch zehn nicht genug. Zurzeit jedenfalls werden, hinter Ruinen versteckt, zwei Weitere Säle auf- und umgebaut, und zwar für das Staatsschauspiel, dem mit dem berühmten Residenztheater die schönste Rokokobühne des Landes in Schutt und Asche gesunken war. Geblieben war ihm einzig das Prinzregenten-Theater, das es aber bisher fast ausschließlich der im Nationaltheater ausgebombten Oper und geschlossenen Veranstaltungen der Besatzungstatut überlassen mußte.

Glimpflich davongekommen scheint das Gärtnerplatz-Theater, letztes Heim der "Staatsoperette"; es soll sich leicht wiederherstellen lassen. Dafür wurde das Volkstheater vollständig vernichtet. Um so mehr Glück hatte das Schauspielhaus, wo die Kammerspiele Otto Falckenbergs arbeiteten; es blieb unberührt.

Aus alledem ergibt sich die Münchner Theatersituation von heute. Als von Deutschen wieder für deutsche gespielt werden durfte, standen zunächst die Kammerspiele im Schauspielhaus, deren Leitung Erich Engel übernommen hatte, im Mittelpunkt. Das ist sogar ganz wörtlich: örtlich zu nehmen. Denn das Schauspielhaus, die andere und eigentlich naßgebende Bühne, hatte damit begonnen, gastveise im Land und draußen im Prinzregententheater zu spielen; die nächsten Premieren sollen aber in der Residenz, also wieder in der Stadtmitte, stattfinden. Das Volkstheater konnte zunächst auch nur weit entfernt, im Vorort Pasing, einen Unterschlupf finden. Welch ein Glück, daß es aus trglosen Vereinszeiten hier noch Säle mit Bühnenpodien gibt: die Dilettanten von einst haben den Berufsspielern von heute die Bretter unter die Füße gelegt, ohne die auch sie nicht "Welt" genug zum \usdeuten hätten!

Mittlerweile jedoch hatte der rührige Direktor des Volkstheaters, Holsboer, im Zentrum Münchens eine kostbare Entdeckung gemacht. Er fand, daß unter den Schuttgebirgen des "Bayrischen Hofs" außer dem Spiegelsaal noch ein zweiter Frachtraum unvermutet stehengeblieben war. Dort wurde das Volkstheater soeben mit der Uraufführung von Ernst Penzoldts Komödie "Die verlorenen Schuhe" eingeweiht. Gleichwohl spielt daneben das Volkstheater nach wie vor im Postsaal Pasing, und so hat Pasing alle Aussicht, als Theatermetropölchen weiterzubestehen.

Wer sie freilich kennt, die alte Abneigung der Münchner, sich weithinaus zu musischen Zwecken entführen zu lassen, der traut den Aussichten der vorstädtischen und Stadtrand-Bühnen für eine auch geldlich ins Gleichgewicht gekommene oder sogar unterkühlte Zukunft nicht eben sehr. Vorerst tut es nichts, daß die "Staatsoperette" in einem Filmvorführungssaal der "Bavaria" im Osten Münchens unterkam. Es tut nichts, daß das "Neue Münchener Theater" gar im fernen Westen, zwischen Nymphenburg und Gern, sich in einem Turnsaal etabliert hat. Die Gäste kommen und füllen die Kassen.

Beim "Neuen Münchener Theater." wären wir bei einem Theatertyp angelangt, der dieser Stadt so ziemlich gefehlt hat: dem Theater des jugendlich kühnen Experiments und der auch wirtschaftlichen Unbekümmertheit. Kein Musentempel kann für die derzeitigen Münchner Verkehrsverhältnisse ungünstiger liegen als das "Neue Münchener Theater" an der Tizianstraße. Und doch hat es sich mit einem Spielplan, auf dem Sutton Vane, Claudel und Shakespeare neben ganz Jungen wie Syberberg figurieren, halten und Achtung erringen können, auch wenn die Kritik, wie das zur Sache gehört, allerhand zu bedenken fand. Inzwischen hat sich in der Aula des St.-Anna-Gymnasiums ein "Theater der Jugend" hinzugesellt und den Schritt von Max Mells "Apostelspiel" zu Goethes "Iphigenie" gewagt. –

So weit also ist München mit Wiederanknüpfen und Neubegründen gediehen. Aber man soll sich von der Vielzahl nicht täuschen lassen: die neuen Theatersäle enthalten weniger Plätze als die zugrunde gegangenen; so verteilt sich die Münchner Theaterlust heute, auf mehr Räume, und obendrein kommt der Mangel an Kinos und Filmen der Schaubühne zugute. Im übrigen hat der theatralische Auftrieb doch wohl auch tiefere Ursachen. Ist es nicht nachdenkenswert, daß ein Volk wie das unsere nach einer Periode übersteigerter äußerer Dynamik sich mit einem solchen Hunger ins Schauen stürzt, als wollte es in der Welt des Spiels die Deutung des Geschehenen finden und eine Deutung ins Künftige und Bessere? Der Trieb, es mit der Kontemplation und dem gespielten Leben zu versuchen, nachdem das wirkliche wieder einmal so fürchterlich enttäuscht hatte, war besonders in den Sommermonaten des letzten Jahres mächtig. Jugendliche Spielgruppen von undurchschaubarer Provenienz drängten so gewaltig ans Licht, daß es eine Zeitlang so aussah, als sollte in München der Grundsatz "Jedermann sein eigenes Theater" verwirklicht und das Vaterland damit gerettet werden. Das war aber weniger beklemmend als heiterstimmend, weil doch eigentlich in der jetzigen Lähmungsperiode sich hierin Optimismus und Wagemut kundtaten. Und irgendwie ist das wohl sehr deutsch, das Nächstliegende, den Schutt, zu übersehen und die Einrichtung von Wolkenkuckucksheimen um so eifriger zu betreiben, als könnte man auf diese Weise die bergehohen Probleme der Zeit gefälligerweise in Phantasie und Rauch auflösen.