Vor vierzig Jahren, genauer am 18. April 1906, wurde die aufblühende Stadt San Franzisko von einem Erdbeben zerstört. Wir haben seither größere Schrecken durchgemacht. Es sind mehr Städte und teilweise gründlicher vernichtet worden, und dennoch bleibt am Namen San Franzisko etwas vom unendlichen Grauen haften, das wir vor den entfesselten Naturgewalten empfinden. Bombenangriffe werden von Menschen geführt, und wir können ihre Schrecken ungefähr im voraus ermessen. Wir wußten, wenn Bomberströme im Rundfunk angekündigt wurden, wenn die Zahlen der herannahenden Flugzeuge von 500 auf 1000 oder gar mehr stiegen, was uns bevorstand. Beim Erdbeben spricht eine höhere Gewalt, die unberechenbare, unendliche Natur. Das erste dumpfe Grollen läßt uns bereits tiefer im Herzen erschrecken als der schrecklichste Bombenteppich, denn wir spüren, daß Gewalten freigesetzt werden, die aus dem Erdinnern hervorbrechen. Als der amerikanische Film San Franzisko in einem andern hartgeprüften Erdbebenland, in Chile, aufgeführt wurde, da sprangen die Menschen bei dem anrollenden, sehr gut wiedergegebenen Grollen auf und wollten ins Freie stürzen, obwohl sie wußten, daß sie im Kino saßen, so tief steckte in ihnen die instinktive Furcht. Bei dem schweren Erdbeben in Chillan in Südchile vom Januar 1939 wurde eine Eisenbahnbrücke rund hundert Meter versetzt; bei dem letzten Seebeben Anfang April 1946 rollten die Wasserberge mit Flugzeuggeschwindigkeit über den Stillen Ozean und erreichten Gebiete, die viele Tausende von Kilometer voneinander entfernt liegen, wie die Halbinsel Kamschatka und die Hawai-Inseln. Von der Stadt San Juan in Argentinien, die im Januar 1944 von einem Erdbeben erfaßt wurde, blieb nicht ein einziges Haus stehen. Erst bei der Erkenntnis dieser Naturgewalten erscheint das menschliche Bemühen, an sinnloser Zerstörung mit ihr wetteifern zu wollen, sinnlos und verbrecherisch. Welche Mühe müssen wir aufwenden, um das zu erreichen, was die Natur in wenigen Minuten vollendet. Aber warum müssen wir zerstören, da wir doch im Gegensatz zur Naturmacht mit Verstand ausgestattet sind, der uns sagen sollte, daß aus der Zerstörung allein niemals das Heil erwachsen kann?

Wenn ein Erdbeben verheerend über eine Stadt oder gar ein ganzes Land gegangen ist, dann fangen die Menschen wieder an, aufzubauen. San Franzisko steht heute stolzer und reicher da als je zuvor. Ist das ein Symbol und eine Hoffnung auch für uns? Erstaunlich schnell sind immer die vom Erdbeben zerstörten Städte von ihren Bewohnern wiederaufgebaut worden, die sich ganz an den Gedanken gewöhnten, am Rande des Verderbens zu leben. Heute ist uns San Franzisko zum Symbol des Willens der Völker geworden, den Gefahren des Krieges zu begegnen, wenigstens die Zerstörungen zu vermeiden, die nur Menschenwitz und Menschenwahn hervorruft. In der Stadt des großen Erdbebens wurde die Organisation der Vereinten Nationen geschaffen, die den Frieden auf Erden sichern soll, den Frieden für alle.