Das Dasein ist kein Hiersein und kein Dortsein, sondern eben ein Dasein. Solange der Mensch auf der Erde weilt... Halt! Einen Augenblick! Sind Sie, mein Herr, sich darüber im klaren, daß Sie auf derErde weilen? Sie können es nicht gut wissen, denn solange Sie leben, wird niemals jemand das von Ihnen behaupten. Erst, wenn Sie tot sind, werden Sie in Ihrem Sarg vernehmen, daß Sie soundsolange hienieden geweilt haben. So wie die Chinesen ihren Toten postume Ehrennamen verleihen, so haben auch wir noch Reste einer Sakralsprache, die unserer Existenz, nachdem sie vorüber ist, eine gewisse Würde verleiht. Während Sie auf den Anschlußzug nach Bebra warteten, haben Sie geweilt – im Wartesaal 3. Klasse, wie weiland die hochselige Durchlaucht Prinz Wittgenstein. Solange Sie aber nur am Leben und nicht Durchlaucht sind, halten Sie sich auf. Und solange Sie sich aufhalten, bekommen Sie von allen Seiten die Aufforderung, sich nicht aufzuhalten, denn Sie haben keine Genehmigung dazu.

Es genügt nicht, daß Sie auf der Welt sind. Sie müssen eine Genehmigung dazu haben. Zum Recht, das mit uns geboren, gehört nicht das Recht; sich aufzuhalten. In einen gestrengen Fragebogen, der den Dingen auf den Grund geht, müßte man noch die Frage einfügen: „Wer befugte sie, hienieden zu weilen?“

Dem Schöpfer verdanken wir das Dasein. Aber die Genehmigung, uns in demselben aufzuhalten, erteilt die Behörde. Zuweilen erwägt man, ob es nicht das beste wäre, man wäre gar nicht geboren. Aber wer hat schon soviel Glück? Kaum einer unter hunderttausend.

Vor die Genehmigung setzten die Götter die Schlange. Man kommt auf einen immensen Korridor, erfüllt vom Gemurmel der Menge, so etwa tausend Zeitgenossen, die alle einen ziemlich ungenehmigten Eindruck machen. Sie sind geballt zu Haufen, entschlossene Landsknechte des Daseins, geschart um die alte Fahne der Existenz.

Allmählich entdeckt man in dieser Anarchie eine gewisse Ordnung. Das Prinzip der Ordnung ist das Alphabet. Hier blüht eine kleine Hoffnung auf. Vielleicht gehört man zum kleinsten Haufen;

Ach nein! Quast ist kein glücklicher Name. Wer fängt schon mit Q an? So hat man die Q.s zu den O. B, R.s dazugeschlagen. und das ist der größte Haufen. Man stellt sich dazu. Man tut das nicht ohne Beschämung. Man hat das Gefühl, die Zahl der Unglücklichen dieser Erde ganz ohne Not um einen zu vermehren. Man fragt sich, ob man nicht besser aufs Land ginge oder nach Tibet. Über diesen Gedanken ist man ganz beiläufig ein Mitglied des Haufens geworden.

Dann geschieht eine volle Stunde nichts. Vom ist eine Tür – die Tür zum Paradies des Aufenthalts. Oder wenigstens scheint das ausnahmslos jeder zu glauben. In der sechsundfünfzigsten Minute wird man vom Zweifel benagt. Das Dritte Reich fällt einem ein. Die Tatsache, daß alle Leute an dieselbe Sache glauben, ist kein Beweis, daß die Sache richtig ist. Man hat seine Erfahrungen.