Hart umkämpft und durch den Krieg schwer mitgenommen, hat Aachen doch wenigstens den einen Vorteil gehabt, sich als erste deutsche Stadt hinter der alliierten Front relativ frühzeitig um die Normalisierung seiner Lebensbedingungen bemühen zu können. Über die Ergebnisse sprechen die spärlichen, aber stets positiv klingenden Nachrichten aus der Westecke des Reiches. Zum mindesten sieht man dort die wirtschaftlichen Notwendigkeiten nüchtern und realistisch an.

Dafür ein Beispiel. Der Regierungsbezirk Aachen hat vor wenigen Monaten 250 Fahrräder verteilt: an die Ärzte und an die Männer, die in der Energie- und Wasserwirtschaft, tätig sind. Motorräder wären besser, Autos angenehmer gewesen: aber ein Fahrrad mit guter Bereifung ist nützlicher als die Anwartschaft auf ein Kraftfahrzeug, das nicht fahrbereit und in absehbarer Zeit nicht zu organisieren ist. – Die 18 000 Paar Schuhe, die man im März verteilt hat, waren zwar größtenteils Stoffschuhe: aber besser solche, als die Erklärung, daß wir auf einen Barfüßler-Lebensstandard zurückgeworfen seien. – In Monschau sind drei Textilwerke mit zusammen 300 Arbeitern einsatzbereit. Der Rohstoff liegt da; er reicht aus, um die drei Fabriken für ein volles Jahr in Beschäftigung zu halten. Man will freilich nicht Kammgarntuche und andere Spitzenqualitäten herstellen, man kann es aus Mangel an Rohstoffen auch nicht: aber Reißwolle ist vorhanden, und die daraus gewebten Decken und Stoffe werden auch ihre Dienste tun.

Wer so gut. wie alles verloren hat, muß klein, anfangen, von unten herauf; konservieren und reparieren ist zeitweise wichtiger, als Neues produzieren – oder vielmehr: Neues produzieren wollen, ohne es zu können. Der Flickschuster ist für jeden von uns eine wichtige und hochgeschätzte Persönlichkeit geworden; hoffentlich fühlt er sich (im Einzelfall) nun nicht gleich als Wirtschaftsdiktator... Etwas mehr Lederfett, eine Ergänzung der Schuhbürstengarnitur, Buna für Absätze und Sohlen, Nähgarn, um die mürbe, ausgefranste Wäsche instand halten zu können, etwas mehr Seife oder gutes Seifenpulver, Stopfgarn für die immer bunter werdenden Strümpfe: das sind heute unsere Allwerdenden Sind sie etwa vermessen, überheblich? Oder kann der Hausfrau, die ihr Küchengeschirr ergänzen muß, mit Recht vorgehalten werden, daß sie einen Lebensstandard aufrechterhalten wolle, der laut Industrieplan für uns nicht mehr zuständig ist?

Mit leichter Wehmut denkt man an die Zeiten zurück, in denen (fast überall auf dem Lande war es noch vor der Industrialisierungswelle der Gründerjahre so) das Dorf eine fast autarke Lebensgemeinschaft war, in der hölzernes und irdenes Gerät niemals fehlte. Mit leisem Neid erinnern wir uns an Landschaften, fernab vom hochindustrialisierten, in all seiner verfeinerten Zivilisation hilflosen europäischen Westen, wo wir bis in die Gegenwart hinein jenen primitiven Lebensstandard vorgefunden haben, bei dem die Dorfgemeinschaft jedem Angehörigen helfen kann, und ein jeder sich mauernd, zimmernd, schnitzend, flechtend, spinnend, webend und flickend selbst zu helfen versteht... Die Rückkehr zu einer solchen Wirtschaftsform ist uns versperrt. Aber die arbeitsteilige Wirtschaft hilft uns nicht; noch nicht einmal der Interzonenhandel funktioniert, der uns aus den Mittelgebirgen und aus dem deutschen Süden eine unermeßliche Menge an hölzernen Küchengeräten, Glaswaren, Haushaltsporzellan, Tongeschirr, Wurzelbürsten, Flechtkörben und tausend anderen Dingen bringen könnte: alle aus deutschen Rohstoffen Zugewinnen, viele davon ohne große Kohlen- und Energieverschwendung herstellbar.

Zum Lebensstandard des Holzzeitalters können wir nicht mehr zurück. Der Lebensstandard des Stahlzeitalters wird uns nicht zugebilligt. So müssen wir versuchen, uns durchzuflicken, im wahren Sinne des Wortes, und das, was an Hausrat, Kleidung, Wäsche und sonstigen Verbrauchsgütern noch da ist, aufs beste gebrauchsfähig zu erhalten: mit Reparaturen und Ergänzungen, die bald an die alten und bald an die modernsten Werkstoffe anknüpfen. Je deutlicher es wird, daß die Gebrauchsproduktion unter den derzeitigen Verhältnissen nicht bald und nicht in großem Stil anlaufen kann, um so notwendiger ist es, daß Wirtschaftsplanung und -lenkung diesen Notwendigkeiten Rechnung tragen und uns befähigen, die verbliebene Habe durch Ausbessern und Ausflicken zu erhalten. E. T.