/ Von J. Brune

Die Potsdamer. Beschlüsse der Sieger haben das Reichsgebiet gegenüber dem Stand vom i. Januar 1938 (also vor dem Anschluß Österreichs) um etwa ein Viertel verkleinert, indem sie die Gebiete östlich der Oder-Neiße-Linie abtrennen. In diesen um 25 v. H. verringerten Raum waren schön damals, d. h. im Sommer 1945, Millionen Menschen aus den Gegenden jenseits der beiden Flüsse hineingeströmt – zunächst auf der Fluch vor den Kampfhandlungen, später unter dem Eindruck der Hoffnungslosigkeit der deutschen Position in diesem Gebiet. Im Herbst und Winter verbreiterte sich dieser Strom noch, und gegenwärtig überschreiten täglich in großen Gruppen die aus den östlichen Altreichsteilen ausgewiesenen Deutschen die Oder-Neiße-Grenze, während gleichzeitig aus Polen, der Tschechoslowakei, Österreich und Ungarn weitere Millionen ausgewiesener Deutscher nach einem zwischen den alliierten Mächten verabredeten Plan in die vier Besatzungszonen einströmen. Unsere Karte zeigt, um welche Mengen es sich im einzelnen handelt und wohin diese gewaltige deutsche Wanderung gelenkt wird.

Wenn dieser beispiellose Prozeß beendet ist, und die im Augenblick noch auf deutschem Boden befindlichen 900 000 Ausländer das Land verlassen haben, werden auf dem von den vier Besatzungszonen gebildeten deutschen Raum von 356 400 Quadratkilometer 74 Millionen Menschen versammelt sein. Von „wohnen“ oder „angesiedelt sein“ zu sprechen, dürfte sich angesichts der Lebensumstände der Zuwandernden und der meisten früher Gekommenen verbieten. Auf den Quadratkilometer berechnet, ergibt sich somit eine Bevölkerungsdichte von 208 Köpfen gegen 147 im alten Reichsgebiet, jeweils nach dem Stande vom Mai 1939.

Deutschland in seiner heutigen Gestalt rückt damit plötzlich in die Spitzengruppe der diditestbesiedelten europäischen Industrieländer ein. Es wird nur noch von Belgien mit 283 und Holland mit 268 Einwohnern auf den Quadratkilometer übertroffen, während Großbritannien als v.ertes Land mit 195 folgt. Es ist bekannt, daß die genannten Nationen ihre dichte Besiedlung nur durch eine außerordentlich stark entwickelte, für den Weltmarkt arbeitende Industrie bzw. im Falle Hollands noch durch eine überaus intensive Land- und Gartenwirtschaft möglich gemacht haben, sowie durch Kolonialbesitz und weitverzweigte internationale Handels- und Kreditbeziehungen.

Für das heutige Deutschland ist keine dieser Voraussetzungen gegeben. Auch die industriellen Möglichkeiten sind durch Zerstörung im Luft- und Erdkampf und durch Verwendung für Reparationszwecke stark zusammengeschmolzen, und ihre Ausnutzung ist zudem durch Brenn- und Rohstoffmangel, Transportnöte usw. in Frage gestellt. Man wird also in einer Besiedlungsdichte von 208 Menschen je Quadratkilometer unter den gegebenen Umständen eine gefährliche Übervölkerung sehen müssen, die die kommenden Jahre mit ihren Folgen bedrohlich überschatten wird.

Für die britische Zone allein gilt das eben Gesagte in noch verstärktem Maße, denn sie hat, wie aus der Karte ersichtlich ist, mit 234 je Quadratkilometer die dichteste Besiedlung unter den vier Besatzungszonen aufzuweisen und ist von der Zerstörung des industriellen Apparates besonders hart betroffen. Sie enthielt vor dem Kriege (Mai 1939) 30 v. H. der damals im alten Reichsgebiet lebenden 69 Millionen, nämlich 20,4 Millionen Menschen. Heute enthält sie 30 v. H. der durch die Ost-West-Wanderung angewachsenen Bevölkerung des verbliebenen Reichsgebietes; das sind – nach der Lebensmittelkartenstatistik – 21,5 Millionen, zu denen noch die 1,5 Millionen Ausgewiesenen aus den Altreichsgebieten östlich der Oder-Neiße-Linie und aus Polen kommen, deren Umsiedlung in die englische Zone gegenwärtig im Gange ist.

Die Ost-West-Wanderung ist in Wirklichkeit noch sehr viel umfangreicher gewesen, als es ein Vergleich zwischen 1939 und 1945 in Erscheinung treten läßt. Man muß nämlich berücksichtigen, daß dazwischen eine entgegengesetzte Wanderung lag, die Flucht vor den Bomben. Wie aus unserer graphischen Darstellung abzulesen ist, rief diese Bewegung damals eine erhebliche Verschiebung zwischen den heute als „Zonen“ bezeichneten Reichsteilen hervor. Die britische Zone z. B. hatte Anfang 1943 nur noch 19,28 und Anfang 1945sogar nur noch 17,72 Millionen Einwohner; die an der Vorkriegszahl von 20,39 fehlende Kopfzahl war zum Kriegsdienst einberufen oder evakuiert, und zwar nach Lage der Luftkriegsverhältnisse zum großen Teil in die östlichen Gegenden. Es sind also tatsächlich während des Katastrophenjahres 1945 rund 3,78 Millionen Menschen in die britische Zone hineingeströmt, teils als Rückkehrer, teils als Zuwandernde. Die amerikanische Zone wurde während des verschärften Luftkrieges sehr weitgehend als Aufnahmegebiet für Ausgebombte und Evakuierte benutzt; sie war auch vielfach zum Zufluchtsort von Firmen mit ganzen Belegschaften geworden, dies insbesondere in Nordbayern, während der Süden Bayerns, die sogenannte „Festung Alpen“, die letzte Zuflucht zahlreicher militärischer Dienststellen und Behörden der Reichsverwaltung gewesen ist. So erklärt es sich, daß für die jetzige amerikanische Zone schon Anfang 1945 ein Ansteigen der Bevölkerungszahl gegenüber 1943 zu beobachten war. Der steile Anstieg der Kurve während des Jahres 1945 ergibt sich dann aus dem Einströmen von Ostflüchtlingen. In der jetzigen russischen Zone waren ebenfalls während des Luftkrieges viele Evakuierte untergebracht worden, insbesondere aus Berlin, dessen Kopfzahl Anfang 1945 bereits beträchtlich abgenommen hatte. Deshalb steigt die Kurve der russischen Zone schon bis 1945 kräftig an, um dann allerdings während des Jahres 1945 selbst noch erheblich steiler nach oben zu verlaufen, worin sich die Ankunft der über die Oder und Neiße kommenden Flüchtlinge ausdrückt. Die Kurve für das östlich der beiden Flüsse gelegene Gebiet steigt während des Luftkrieges, wegen der zahlreichen dorthin Evakuierten an und fällt dann entsprechend der völligen Austreibung der deutschen Bevölkerung steil nach unten.