Kaltenbrunners Enthüllungen über die Gestapo im Zeugenstand des Nürnberger Gerichtes

In der Wand des Nürnberger Gerichtssaales öffnete sich geräuschlos ein Stück der Täfelung, und ein zwei Meter langes Stahlrohr, an dessen Ende photographische Linsen blinkten, schob sich in den Raum, um die Anklagebank von der Seite fassen und festhalten zu können. Von vielen kleinen Fenstern, knapp unter der Decke, glitten leise die Holzscheiben der Täfelung beiseite; die Glasaugen der Kameras und die stählernen Ohren der Radiostation der ganzen Welt machten sich bereit,, zu sehen und zu hören. Es war peinigend still im Saal, so daß wir alle zusammenfuhren, als ein Summerton in der nahen Zelle der Plattenaufnahme zu schwingen begann.

Ein großer, hagerer Mann, der im schwarzen Talar am Pult stand, der deutsche Rechtsanwalt Dr. Kaufmann, beendigte das Schweigen und sprach: „Mit Erlaubnis des Gerichts rufe ich meinen Mandanten, den Angeklagten Kaltenbrunner, in den Zeugenstand.“

Um den früheren Leiter einer Organisation genauer zu sehen, die mehr als zehn Millionen Menschen ermordet hatte, beugten sich die dreihundert Zuschauer auf der Pressetribüne vor. Die Richter sahen starren Gesichts zur Anklagebank, und Richter, Journalisten, Stenographen, Dolmetscher, Militärpolizisten und Verteidiger dachten ganz klar daran, daß sie jetzt einem Ereignis beiwohnen würden, wie es noch nie eines gegeben hat, solange die Welt sich dreht. Sie vergaßen nicht eine Sekunde, daß sie zuschauen würden, wie ein solcher Mann, wohlgekleidet, von den Nationen derjenigen, die er mordete, wohlverpflegt und von seiner Krankheit geheilt – denn sein Gehirn hatte geblutet –, durch den Saal gehen würde, um sich, geschützt durch strenge Rechtsvorschriften, mit Muße und nach seinem Belieben zu verteidigen. Damit die Gerechtigkeit siege und niemand mit Fug von der Rache sprechen dürfe.

Etwas gebeugt, mit katzenartigen Schritten, mit korrekt sitzender Krawatte, in einem eleganten blauen Straßenanzug, huschte nun also der frühere Chef des „Reichssicherheits- und Hauptamtes“ durch den Saal und nahm im Zeugenstuhl Platz. Sofort gab er den Mord an den zehn Millionen zu. Die Anklage Irre nicht, wenn sie behaupte, daß Gaskammern, Galgen und Schüsse ins Genick die Methode des Dritten Reiches gewesen seien, um beispielsweise russische Provinzen von Slawen zu befreien, damit Germanen Lebensraum finden. Aber nicht er trage die Schuld, er ganz und gar nicht.

Hitler habe befohlen, im Osten für das deutsche Volk Lebensraum zu schaffen, Hitler habe für die Juden in Europa die „Endlösung“ angeordnet und so auch für bestimmte Gruppen von Kriegsgefangenen und für Deutsche, die sich als Gegner seiner Handlungen entpuppten. Der SS-General von der Bach-Zelewski habe ja schon dem Hohen Gericht von der nächtlichen Zusammenkunft der SS-Generale berichtet, bei der Himmler angeordnet habe, daß 30 Millionen Slawen zu „liquidieren“ seien... Das sei ja alles unbestreitbar aktenkundig, erklärte er mit der Leichtigkeit des österreichischen Tonfalls in der Stimme, der zu dem monströsen Schrecken seiner Aussagen so entsetzlich kontrastierte. Aber ebenso erwiesen sei auch, daß nicht er, sondern die Geheime Staatspolizei all diese Menschen in die Vernichtungs- und Konzentrationslager getrieben habe.

Müde unterbrach ihn sein Anwalt, den nun zwei Tage zuvor betend in einer katholischen Kirche gesehen hatte: „Aber die Geheime Staatspolizei war doch eine der sechs Abteilungen des ,Reichssicherheits- und Hauptamtes’. Sie waren der Chef dieses Amtes. Ihnen unterstand doch die Geheime Staatspolizei! Wie wollen Sie diesem Gericht glaubhaft machen, daß Sie nicht für die Gestapo verantwortlich seien?“