Von Gottfried Beim

Der Lyriker und Essayist Gottfried Beim vollendet am 2. Mai 1946 sein 60. Lebensjahr. Heute darf der Dichter wieder Sprecher; jahrelang war er zum Schweigen verurteilt. Das sinnlose Wüten gegen den Geist hat auch ihn nicht verschont. Als die Verfolgung und Verfemung der expressionistischen Künstler unter der diffamierenden Parole des „Kulturbolschewismus“ einsetzte, war es Gottfried Benn, der sich zu dieser Kunst und ihren großen deutschen und europäischen Vertretern bekannte und den Expressionismus als die „letzte große Kunsterhebung Europas“, die „letzte schöpferische Spannung, die so schicksalhaft war, daß sich aus ihr ein Stil entrang“, gegen die Angriffe der Kulturpolitiker des Dritten Reiches verteidigte. Er nannte das Formproblem „das Problem der kommenden Jahrhunderte“ und resümierte: „Entweder es gibt ein geistiges Weltbild, und dann steht es über der Natur und der Geschichte, oder es gibt keines, dann sind die Opfer, die Kleist, Hölderlin, Nietzsche brachten, umsonst gebracht.“

In solchen Thesen sprach sich eine leidenschaftliche Apologie des Geistes und seiner schöpferischen Freiheit aus; aber im Dritten Reich durfte solche Apologie nicht ungestraft ausgesprochen werden. Im Jahre 1936 veröffentlichte das „Schwarze Korps“ von Unverständnis diktierte Angriffe gegen Gottfried Benn, denen im Jahre 1938 der Ausschluß Benns aus der Reichsschrifttumskammer, das Verbot weiterer schriftstellerischer Betätigung und Verfolgungsmaßnahmen seitens der Gestapo folgten. Von nun an war Gottfried Benn ein Geächteter. Eine Veröffentlichung dieser für das Dritte Reich allerdings staatsgefährlichen Manuskripte wird zeigen, daß Gottfried Benn auf seinem denkerischen Weg unbeirrt fortgeschritten ist.

C.W.

Eine geistige Intensität liegt über dem Kontinent, eine spirituelle Spannung von hohen Graden drängt aus dem kleinen Erdteil Unausprechliches, noch nie Geahntes in Gestalt. Man reift nicht, was bewunderswerter ist, das Mitgehen und die Teilnahme der Zuschauer, oder die Härte, die, wo es sein muß, bis zur Brutalität durchführte Wahrheitssicherung der Werkgestalter, der großen jener Gehirne, in deren Verantwortlichkeit das Schicksal der Rasse ruht. Ungeheuer ernste, traische, tiefsinnige Worte über das Werk: „Wer Dichtung sagt, sagt Leid“ (Balzac); „Wer Werk sagt, sagt Opfer“ (Valéry); „Lieber ein Werk verderben und weltunbrauchbar machen, als nicht an jeder teile bis zum Äußersten gehn“ (Th. Mann); „Oft ward‘ ich müde, wenn ich rang mit dir“ – das Wort, das ein Galeerensklave in sein Ruder geschnitzt hatte, kerbte Kipling in seinen Tisch, an dem er in ndien arbeitete; „Nichts ist heiliger als das Werk, das im Entstehen ist“ (d’Annuncio).

Immer neue Gedankenmassen dringen, ein, die Probleme füllen sich. Fernen rücken näher und entalten ihr Elend und ihren Glanz, verschollene Velten treten vor den Blick, darunter dämmernde, ragwürdige, gestörte. Was in diesen fünfzig Jahren an tatsächlichen geistigen Entdeckungen vor ich geht, ist ohnegleichen, und im wesentlichen bringt es eine echte Erweiterung des Gefüges. Renbrandt, Grünewald, el Greco, Verschollene, wurden wiederentdeckt, van Gogh in seiner seltsamen und beunruhigenden Erscheinung der geistigen Öffentichkeit eingefügt, Marées arkadischer Traum entätselt; der unerkannte Hölderlin wird jenem Kreis erobert, für den seine bionegative Problematik – ‚,wenn ich sterbe mich Schmach, wenn an dem Frechen nicht meine Seele sich rächt“ –) verständlich war. Das Buch von Bertram erschien, und Nietzsche wird in einer Folge unzähliger, in eigener Dialektik sich verwandelnder, analytischer Werte in die Reihe der allergrößten Deutschen gebracht. Conrads faszinierende Romane werden übersetzt, Hamsun wird „der große Lebende“. Der Norden hatte sein Primat mit Ibsen, Björnson, Strindberg angst geltend gemacht Thisted, die kleine jütische Provinzstadt, hatte durch Niels Lyhne am Geschmack zumindest einer unserer Generationen mi:gebildet. Die Neue Welt tritt an: Walt Whitman gewann großen Einfluß durch seine Art von lyrschem Monismus, sie erobert; über die heutige Lage weiß jeder Bescheid; Europas letzte große Literaturform. der Roman, ist wesentlich an amerikanische Kräfte übergegangen.

Diaghilew erscheint, der eigentliche Begründer der neuen Bühne. Komponisten für sein Ballett sind Strawinsky, den er entdeckt, Debussy, Mi!haud. Respighi. Für ihn tanzen: die Pawlowa, die Karsawina, Nijinsky. Seine Bühnenkünstler sind: Picasso, Matisse, Utrillo, Braque. Er zieht durch Europa und revolutioniert. Das geistig Neue an seiner Idee ist die Zusammenfassung aller Künste und die Härtung aller Künste. Cocteau drückte es so aus: „Ein Kunstwerk muß allen neun Musen genügen.“ Das Slawische und Romanische vereinigten sich hier mit einer ganz klar erkennbaren Richtung: gegen das nur Gefühlte, das Dumpfe, das Romantische. das Amorphe, gegen offen gelassene Flächen, gegen andeutende Interpunktion; für: völlig Durchgearbeitetes, Klargestelltes, Hartgemachtes, hart gemacht durch Arbeit, äußerste Präzision in der Materialverwertung, Anordnung, strengste geistige Durchdringung. Es ist eine Wendung gegen Innenleben, guten Willen, pädagogische oder rassische Nebentendenzen zugunsten des Gestaltannehmenden und dadurch anderen Gestalt Aufzwingenden: zum Ausdruck.