Während die Beratungen des Repräsentanten-Hausesüber die Milliarden-Anleihe für England weitergehen und, unabhängig davon, eine Reihe kleinerer Dollar-Kredite an verschiedene befreundete Staaten zum Ankauf von „ausgelagerten“ Waren aus ehemaligen nordamerikanischen Heeresbeständen gegeben worden sind, läuft jetzt das zweite große Anleihegeschäft zwischen den Alliierten an: Sowjetrußland beginnt am 5. Mai die Verhandlungen über eine Anleihe von einer Milliarde Dollar in Washington. Der Zinssatz wird voraussichtlich mindestens 3 v. H. betragen, während in dem Sonderfall der britischen Anleihe zu 2 v. H. abgeschlossen ist.

Über die Gegenleistungen, die Washington von den Sowjets fordern wird, finden sich in der angelsächsischen Presse mancherlei Andeutungen. Einmal ist von Rohstoff lieferungen die Rede; Mangan, Platin, Iridium und Paladium, ferner Holz und Zellstoff werden genannt. Zum andern kommen handelspolitische Forderungen in Frage. Zentral ist hier das Problem, daß Rußland in Rumänien und Ungarn eine Monopolstellung anstrebt und ausbaut, deren Berechtigung von Washington her bestritten wird. Die sowjetischen Wirtschaftsabkommen mit Jugoslawien und Bulgarien, der Tschechoslowakei und Finnland sollen im gleichen Sinne überprüft werden.

Auch Polen erwartet eine Dollar-Anleihe. Politische Bedingungen stehen hier im Vordergrund; die USA werden nur dann Kredite geben, wenn sie die Überzeugung gewonnen haben, daß in Polen der Wille und das Vermögen vorhanden ist, eine wirkliche Demokratie aufzubauen.

Frankreich, das in Kanada einen Warenkredit über 240 Mill. Dollar abgeschlossen hat, beziffert se’inen Kreditbedarf für die nächsten vier Jahre auf 4 Milliarden Dollar. In Washington glaubt man, daß die Hälfte des Betrages ausreichend sein werde, und verweist darauf, daß die Export- und Import-Bank zurzeit – bis zu einer im Herbst geplanten Kapitalerhöhung – nur 1,5 Milliarden verfüglich hat, von denen überdies 500 Mill. für eine China-Anleihe vorgesehen sind. So ist es wahrscheinlich, daß die Kredite für Frankreich in verschiedenen Raten gegeben werden.

Holland hat von der gleichen Bank bereits einen Warenkredit von 200 Mill. Dollar zu dem Vorzugszinssatz von 2 1/4 v. H. erhalten. – Italien verhandelt in Kanada über Wiederaufbaukredite in Höhe von 14 Mill. Dollar; gleichzeitig soll zur Sprache kommen, daß, um den Ausfall der Exportmöglichkeiten nach Deutschland auszugleichen, neue Märkte für die italienischen Überschüsse an Wein. Früchten und Textilien erschlossen werden müßten. Italien interessiert sich auch, unter der Voraussetzung, daß ihm die Monfalcone-Werften zurückgegeben werden, für Schiffbauaufträge.

Verglichen mit der Entwicklung, die sich nach 1919 anbahnte, als die Siegermächte darangingen, ein Netz kapitalwirtschaftlicher Bindungen über die Welt auszubreiten, ergibt sich heute ein wesentlich anderes Bild. Nicht Wallstreet ist führend, sondern Washington. Und dort ist man sich offenbar, um ein Wort des früheren Schatzsekretärs Morgenthau zu zitieren, daß ebenso wie der Friede der Welt auch der Wohlstand der Welt unteilbar ist. Bei der eminenten politischen Bedeutung, die den großen Dollar-Krediten innewohnt, ist es klar, daß ihre Hergabe an weitreichende politische und handelspolitische Bedingungen geknüpft wird. „Amerikas Wohlstand“, so sagte Morgenthau. „ist vom Außenhandel abhängig. Unser Lebensstandard kann nicht gesteigert werden, wenn nicht die ganze übrige Welt ihren Lebensstandard verbessert.“

n. f.