.Novelle von Ernst Schnabel

Damals war ich neun Jahre alt. Manche in meiner Klasse waren erst acht, aber es gab auch welche, die schon zehn waren. Ich war neun und hielt mich so gerade in der Mitte. Unsere Klassenlehrerin hieß Fräulein Elfriede.

Und damals sagte Fräulein Elfriede, daß wir einen Neuen bekämen. Wir sahen sie an – und Fräulein Elfriede wartete auch, bis wir sie wirklich alle anschauten, ehe sie hinzusetzte: Der Neue kommt aus Amerika. Und als die nächste Stunde begann, brachte sie ihn mit.

Ich weiß nicht mehr, wie ich ihn mir vorgestellt hatte während der ganzen Stunde, die mir zum Nachdenken geblieben war. Als er dann vor uns stand, sah er nicht anders aus als wir. Er hatte unsere Größe, sein Haar war braun, auch seine Haut war braun, aber schließlich war es ja September, und wir hatten alle in der Sonne gelegen. – Er sagte guten Tag und machte einen Diener vor uns. Fräulein Elfriede sagte, er solle uns auf amerikanisch guten Tag sagen. Da wurde er ein wenig rot und sagte: Buenos dias!, indem er seinen Diener vor uns wiederholte. – Fräulein Elfriede ließ ihn noch nicht in Ruhe. Sie fragte ihn nach seinem Namen – er hieß Paulo Panzel – und wo er in Amerika gewohnt hätte. In Iquique in Chile. Der Beruf seines Vaters war Artist, und geboren war er – und als ich das hörte, durchfuhr es mich wie ein Stich, ein Schmerz, der in Wirklichkeit ein Wunder war: Paulo hatte am siebenundzwanzigsten September Geburtstag, am selben Tage wie ich. Fräulein Elfriede merkte es auch gleich, denn zu Anfang eines jeden Monats pflegte sie uns zu fragen, wer in den nächsten vier Wochen Geburtstag hätte. Und damals, als dies geschah, hatten wir ja Anfang September, und es war erst wenige Tage her, daß ich auf ihre Frage hin die Hand gehoben hatte. Fräulein Elfriede rief aus: Sieh Da hast du ja mit dem da am selben Tage Geburtstag! – Und so kam es auch, daß sie ihn anwies, sich neben mich zu setzen.

Als Paulo sich ein wenig an uns und all das Neue gewöhnt hatte, wie Fräulein Elfriede sich ausdrückte, und sie war es auch, die schon nach wenigen Tagen bestimmte, daß es nun soweit wäre – als Paulo sich also an uns gewöhnt hatte, holte Fräulein Elfriede ihn vor zum Katheder, und Paulo mußte uns von Amerika erzählen. Er stand neben dem hohen braunen Pult, das ihn um eine ganze Handbreit überragte, schaute über unsere Köpfe hinweg und zum Fenster hinaus und begann zu sprechen. Und solange er redete, wandte er seine Augen nicht von der Stelle. Im ganzen erzählte er nicht lange, er sagte uns, daß Iquique eine große. Stadt wäre, viel größer als die unsere hier, aber daß es aus lauter weißen Häusern bestehe, die sehr viel kleiner wären als hierzulande. Rings um die Stadt gäbe es nur Sand und Wüste und in der Ferne das Gebirge. Es wüchse nicht viel dort, das käme vom Salpeter. (Fräulein Elfriede unterbrach ihn und fragte uns, was Salpeter wäre. Da aber keiner sogleich sich meldete, beantwortete sie die Frage selber. Salpeter ist ein Salz, eine Art Salz. Aber weiter, Panzel!) Iquique lag am Meer, aber wenn Schiffe kamen, blieben sie draußen auf Reede, denn die Stadt hatte keinen richtigen Hafen: (Fräulein Elfriede warf – ein, eine Reede wäre ein Ankerplatz. Doch das wußten wir schon.) Und dann war es in Iquique sehr heiß es lag in den Tropen, und von den Leuten, die in Iquique wohnten, stammten die meisten von Indianern ab. – Später, als Fräulein Elfriede nicht mehr dabei war, erzählte er uns noch, daß diese Indianer klein und braun und schwarzhaarig wären, aber sie hätten nichts mit denen zu tun, die in unseren Indianerbüchern vorkommen. Die wohnten viel weiter im Norden von Amerika.

Damals aber, vor der versammelten Klasse und vor Fräulein Elfriede, kam er gar nicht weiter darauf zu sprechen. Er schwieg vielmehr plötzlich, starrte unverwandt zum Fenster und regte sich nicht. FräuleinElfriede wurde ungeduldig, sie fragte ihn, ob er noch, etwas erzählen wolle oder nicht. Paulo überlegte eine Sekunde, schüttelte dann den Kopf und sagte nein. Da schickte sie ihn auf seinen Platz,

Sie war unzufrieden mit seiner Geschichte, und auch einige von uns hatten sie langweilig gefunden. Ich aber und die meisten anderen – viel Neues hatten auch wir nicht von Amerika erfahren. Aber wir wußten, daß das nur an Paulos Sprache lag, die zwar wie unsere klang, aber dennoch die Sprache eines ganz fremden Landes war, die Sprache der Fremde. Und auf keine andere hörten wir atemloser.