In der brütenden Hitze Batavias haben Holländer und Javaner seit Wochen, ja Monaten am Konferenztisch um die Lösung niederländisch-indischer Fragen gerungen, die in dem vorangegangenen Lärm bewaffneter Auseinandersetzungen nur noch verworrener zu werden versprachen. Zug um Zug hat man sich in der Stille des tropischen Verhandlungszimmers einer gemeinsamen Plattform genähert. Das, was erreicht werden konnte, dieser noch skizzenhafte Umriß künftiger Neuordnung im indonesischen Raum, ist nunmehr durch den holländischen Ministerpräsidenten Schermerhorn seinem britischen Kollegen und Berater in London in den Besprechungen der letzten Woche unterbreitet worden. Der Nenner aber, auf den, britischen Pressemeldungen zufolge, holländische Vorschläge und javanische Wünsche in Batavia gebracht worden zu sein scheinen, ist etwa dieser:

Java soll, als „Republik Java“, ein sich selbst regierender Staat innerhalb einer indonesischen Konföderation werden, die ihrerseits wieder dem holländischen Gesamtreich angeschlossen sein soll. Die Republik Java soll die Oberhoheit der holländischen Krone anerkennen, während die Königlich-Holländische Regierung umgekehrt die Souveränität der Republik Java anerkennen wird. „Die vorgeschlagene konstitutionelle Anomalie“, bemerkt der „Observer“ hierzu, „kann nur noch mit dem offiziellen Status von Irland verglichen werden.“ Das gesamte holländische Reich soll durch ein „Hohes Kabinett“ regiert werden, das als eine Art „Reichsrat“ (Imperial Council) die Politik der vier großen Konföderationen, nämlich Hollands, Indonesiens, Holländisch-Guyanas und Curacaos in Übereinstimmung bringen soll. Die indonesische Konföderation soll, der britischen Darstellung nach, außer Java noch Borneo, Celebes, die Molukken und Holländisch-Guinea umfassen. Wieso eigentlich nicht Sumatra, Banka, Bali, Lombok, Soembawa Soemba, Flores und West-Timor? Oder handelt es sich bei ihrer Nichterwähnung lediglich um einen redaktionellen Ausfluß jener territorialen Großzügigkeit, die in manchen Ländern dann auftritt, wenn es sich nicht um die eigenen Gebiete handelt?

Der Entwurf von Batavia soll „gegenseitige Verteidigung“ vorsehen, ferner anerkennen, daß die Holländer noch große Finanzinteressen auf Java haben, endlich zusichern, daß der wirtschaftliche und finanzielle Einfluß Hollands in Java erhalten bleibt. Die Wahrnehmung der „gemeinsamen Verteidigung und der Außenpolitik würde, dem Entwurf nach, für eine begrenzte Zahl von Jahren einer Bundesunion obliegen, wobei, wie man annimmt, auch die diplomatische Vertretung nach wie vor in holländischen Händen liegen dürfte. Der wirtschaftliche Teil des Entwurfs spricht von javanischen Erleichterungen für holländische Investitionen, großzügigen Plänen des Haag auf dem gleichen Gebiet und javanischen Verpflichtungen für die Rückzahlung all jener Anleihen, die Holland vor 1942 gewährt hatte.

Dies ist in groben Zügen das, was über die Formel von Batavia verlautet. Es ist von einer Unvollständigkeit, die fast mehr Fragen aufwirft als beantwortet. Wenn sich dennoch für den europäischen Beobachter einige Klarheiten von höchster Wichtigkeit ergeben, so vor allem deshalb, weil sich für ihn das mit Neugier, fast mit Spannung beobachtete niederländisch-indische Problem nicht im Konstitutionellen, ja nicht einmal in den Beziehungen zwischen Holländern und Indonesiern ausschließlich erschöpfte, so wesentlich sie auch waren. Er war gewohnt, diese reichste Kolonie der Welt mitten im pazifischen Spannungsfeld dreier Großmächte liegen zu sehen. Wenn er holländische Freunde hatte, so konnte es ihm in den Jahrzehnten rein kolonial-imperialistischer Denkweise geschehen, daß diese Freunde ihm in vertrautem Gespräch gestanden, sich dieses überseeischen Schatzes nur so lange sicher zu fühlen, solange das machtmäßige und militärische Gleichgewicht zwischen England, Amerika und Japan aufrechterhalten bleibe, von denen keiner den Griff des andern nach Insulinde dulden würde.

In den Augen des Beobachters mußte sich an der Frage der Niederringung Japans und der Eroberung Insulindes durch die Angloamerikaner mehr entscheiden als die Abwehr eines fremden Überfalls. An der Haltung der Siegermächte gerade im Falle Insulinde mußte sich nach der Niederlage Japans die Frage nicht nur der politischen, sondern der moralischen und völkerrechtlichen Grundlagen des angloamerikanischen Kampfes im Pazifik beantworten. Diese Antwort fiel, allen Skeptikern zum Trotz, in der mit größter Selbstverständlichkeit vollzogenen Wiederherstellung des alten holländischen Besitztitels auf Niederländisch-Indien. Unzweifelhaft fanden in dieser Wiederherstellung Prinzipien ihre internationale Bewährung, auf denen gerade die Satzung der UNO, als der künftigen Weltorganisation, beruht und deren Verbindlichkeit auch für das britische Empire und für Amerika am Schulbeispiel Insulindes belegt wurde. Wieweit die nüchterne britische Rücksicht auf die eigenen Orientvölker oder die Washingtons auf den politischen Kredit Amerikas die Handlungsweise beider Mächte mitbestimmt haben mögen, ist für das Ergebnis unerheblich;

Mit diesem Augenblick aber verlagerte sich die Notwendigkeit der Bewährung wieder auf die Holländer. Es entstand die Frage, ob man es einfach mit einer kolonialen Restauration zu tun habe, oder ob auch im kolonialen Bereich die Grundsätze der Selbstbestimmung Gültigkeit haben sollen, die man zu beschwören in Zukunft bereit sein wollte (jener „Atlantik“-Charta, von der Deutschland auszunehmen man sich an Bord der „Potomac“ leider entschloß). Vor dieser Frage stehen die Engländer in Britisch-, die Holländer in Niederländisch-Indien.

Kein Volk der Welt dürfte auf sie besser vorbereitet sein, als die Holländer, für die die Wünsche und Forderungen der Javaner nichts anderes sind, als das Heranreifen einer seit langem erwarteten, oft selbst geförderten Frucht, von deren Unvermeidlichkeit die Weisheit holländischer Kolonialpolitik schon lange überzeugt war. Schon dies ist ein Grund, weshalb das Bestreben der Indonesier das Odium des Revolutionären keineswegs für sich in Anspruch nehmen kann. Auch dann nicht, wenn sich unter den Auswirkungen der japanischen Propaganda und den Beeinflussungen des pazifischen Krieges die Dinge auf Java zu einem Waffengang zwischen Holländern und Javanern zuzuspitzen schienen, an dessen Verhinderung die britische Waffenhilfe entscheidendes Verdienst haben mag. Als der Pulverdampf sich verzog, zeigte sich auf Java wenig, das man nicht schon seit Jahrzehnten erblickt hatte, Vieles, was heute gefordert wird, ist gestern vorweggenommen worden, so daß allein die Forderung verbleibt, die Praxis der Theorie anzugleichen.