Von Jan Molitor

Jetzt wird Budapest geschlachtet, dann noch einpaar Wochen und der Krieg ist aus“, sagte Heiner, „dann bin ich wieder auf unserem Bauernhof, und kein Mensch kriegt noch ein Wort aus mir heraus.“ Er schüttelte die Flasche mit dem Rotwein, der zwei Schnitten Kommißbrot gekostet hatte, Heiner begann, wieder betrunken zu werden.

Übrigens wissen wir heute, daß er sich geirrt hat. Es hat nicht Wochen, es hat Monate gedauert, und nicht nur Budapest, das schöne. fröhliche, arme Budapest, sondern auch Wien und Berlin haben noch geschlachtet werden müssen, ehe der Krieg aus war.

Heiner, wenn du noch lebst, so wirst du dich erinnern, wie es war, als wir im Kurierauftrag nach Budapest kamen, und als unser „Storch“ beim-Landen die Beine brach, so daß wir beim bestem Willen auch zu Fuß oder auf „Anhalte“ nicht mehr zurück konnten zu unserem „Haufen“. Denn ehe wir unseren Auftrag erledigen konnten, war Budapest plötzlich eingeschlossen. Weißt du es noch? Dein Schweigen wird die Erinnerungen nicht zum Verstummen bringen.

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Wir hatten damals den Ausdruck: „Ein dicker Hund ...“ Wenn eine staunenswerte Sache passierte, dann sagten wir nichts weiter als: „Na, das ist ja ein dicker Hund!“ Wir konnten damals vieles nicht ausdrücken, wir hatten tatsächlich die Sprache verloren, und wenn wir noch so redselig waren. Wir hätten uns auch gern um andere Dinge als bloß um den Krieg gekümmert. So fragte Heiner, als wir in Budapest eintrafen: „Was ist das für eine Stadt? Was ist hier los?“ Nun, es gab tatsächlich noch Bars, Cafés, Kinos und ein paar berühmte Schriftsteller, außerdem spielte die Oper. Die Russen lauerten am Rande der Stadt, um entgültig loszuschlagen, aber die Oper spielte. „Ein dicker Hund“, sagte Heiner. Seltsam, er interessierte sich auch für die berühmten Schriftsteller, und wir ließen uns ein Stückchen Literatur übersetzen, das in einer Zeitung veröffentlicht war. Da war von den Kubatschhunden, den ungarischen Hütehunden, die Rede, die mit den Flüchtlingstrecks aus der Pußta nach Westen und nach Budapest gekommen und ihren Besitzern verlorengegangen. waren, weil sich die großstadtfremden Tiere verirrt hatten. „Helft den armen Kubatschhunden“, schrieb der berühmte Schriftsteller. „Budapest ist immer eine tierliebende Stadt gewesen und wir wollen unsere vierbeinigen Freunde auch jetzt nicht enttäuschen.“ Auch dazu bemerkte Heiner: „Das ist ein dicker Hund...“ Und plötzlich war die Stadt eingeschlossen, und es kam im Geflüster von Ohr zu Ohr heraus, daß die braun-, hemdigen Ratgeber der ungarischen Stadtbehörde, die sich in alles und jedes hineinmischten, es in ihrer weisen Voraussicht „völlig übersehen hatten, daß Budapest bloß“ noch für wenige Wochen Brot und Fleisch besaß. Und diese paar Wochen verstrichen, ohne daß der Ring um die Stadt gesprengt werden konnte. Und da nun konnte man Bürger der tierliebenden Stadt beobachten, die, mit einem Stück Zucker als Köder und einer Schlinge als Lasso bewaffnet, den umherirrenden Kubatschhunden auflauerten, um die „vierbeinigen Freunde“ einzufangen. „Ein dicker Hund“, sagte Heiner, denn er wußte, wozu der „Stolz der Pußta“ nun noch gut war.

Erst arbeiteten sie noch, die Mädchen, Frauen und Männer von Budapest. Sie hatten Pelzmäntel an und bauten auf Befehl der SS Barrikaden. Zuerst zuckten sie noch zusammen, wenn eine Granate in der Nähe platzte. Zuerst gingen sie noch eine Weile umher. Aber dann verschwanden sie einfach in den Kellern und hungerten im Sitzen oder Liegen. Zuletzt schien es, als hätten sie überhaupt keinen Hunger mehr. „Lassen Sie nur!“ wenn wir mit unserem Kommißbrot kamen. „Vielen Dank! Es macht uns nichts mehr aus!“ Sie sagten: „Sehr freundlich“, aber sie lächelten nicht mehr, sondern sahen ernst und feierlich ins Leere wie Kinder, denen man von Gott erzählt.