Es gab eine Operette und einen Film „The Student Prince“, die in England und Amerika zu einer Zeit ein reißender Erfolg waren, als man in Deutschland über das Vorbild „Alt-Heidelberg“ längst nur noch spöttisch lächelte. Tradition, Idylle und süßer Kitsch. Als wir neulich aus einem Konzert populärer, billiger Musik kamen, warf ein Freund die Frage auf, ob es den musikalischen „Schmarren“ auch in Amerika gäbe. Er hätte es nicht für möglich gehalten in einem Land des sachlichen Jazz! Der Südamerikaner hat das deutsche Wort „Schmalz“ sogar in seinen Sprachschatz übernommen. Eine Tatsache, die Deutschland als das Herkunftsland eines völkerverbindenden Kitsches schwer belastet. Und eine Rundfrage ergab, daß in England und in Amerika, dem Land der unsentimentalen Jazz-Rhythmen, die „Lustige Witwe“ und das Lied vom „Waldmägdelein“ immer noch heißgeliebte Standardstücke sind.

In Hamburg sah man jetzt nach langer Zeit wieder einen amerikanischen Film „Seven Sweethearts“ (Waterloo). Tradition, Idylle. Da liegt irgendwo im Mittelwesten der Ort Klein-Delft. „...kaum entdeckte Kolumbus Amerika, da waren auch die Holländer da. Sie fühlten sich gleich heimisch dort und pflanzten Tulpen und sich fort.“ Es ist ein reizendes Nest. Tulpen und Tauben, echte Holländer Typen, Holzschuhtanz der Mädchen (300 Jahre alter Brauch), holländisches Scheuerfest auf den Straßen (800 Jahre alte Tradition), ein Oboe spielender komischer Hotelbesitzer, sieben Töchter, die Jungennamen tragen, weil der Alte sich einst Knaben wünschte. Und wie der Yankee am Hofe von König Artus (nach einer Idee von Marc Twain) erschien, so erscheint in dieser süßen Abgeschiedenheit der kühle, kühne Reporter aus Neuyork, eigentlich um die Tradition zu besiegen, aber dann doch in der Idylle zu schwelgen.

„It’s swell!“, sagt er beim Anblick des pompösen Hochzeitsbildes des Hotelwirts, dessen Schwiegersohn er bei seven sweethearts ja ohne Zweifel werden muß. Ein nur nachfühlbarer amerikanischer Ausdruck in der Bedeutung zwischen „geschwollen“, „pompös“ und „fein“, „großartig“, „elegant“. „It’s swell!“ Und richtig ist an diesem Film alles dran, was gut und teuer ist. Lebenslust und Unbekümmertheit, heitere Selbsterkenntnis und Ironie, herrliche Kulissenlandschaften, kleine Gassen, verträumte Winkel und Kanäle, last not least ein einsamer stolzer Schwan, der darüber hinsegelt, herrliche und peinliche Regie-Einfälle, Romantik, gebrochene Herzen, Sentimentalität. Küsse (tausende Jahre alte Tradition). Mighty sweet! Wiedersehen mit Szöke Szakall, der humorig und unverwüstlich dem Papa und Besitzer des Hotels (ohne Radio und Telephon) Profil gibt und für den Neuyork immer noch Neu-Amsterdam’ heißt.

Der Film (Metro-Goldwyn-Mayer) wird getragen von schwelgerischer Musik, wodurch sich seit langem die Produktionen aus USA auszeichnen. Wenn beim Eintreten des Reporters sofort Mozart in Jazz-Rhythmen aus seinem Radio-Koffer-Apparat tönt und die jüngste und erfolgreichste der seven sweethears ihm nun mit perlender Stimme den echten Mozart nahebringen will, klingt er immer noch so europafremd, daß man sich der Erzählung einer erfolgreichen amerikanischen Sängerin, erinnert, die, nach ihren eigenen Worten, von Neuyork bis Kansas City Liederabende mit „Schubert auf amerikanisch“ gab, bis sie in Neuyork Lotte Lehmann hörte und noch am selben Tag nach Deutschland abreiste, um dort Musik zu studieren, Neben Mozart fehlten nicht das Niederländische Dankgebet und glockenhelle Koloraturen in der auch musikalisch reichen Ausstattung.

Das Hamburger Publikum amüsierte sich großartig. Es verhielt sich angesichts dieser lebensfernen Ergüsse genau so wie sich (siehe oben!) das amerikanische Publikum gegenüber ähnlichen Ergüssen aus Deutschland verhielt: es war gerührt.

Erika Müller