Lord Jewitt, der Lordkanzler, der höchste Richter der englischen Krone, hat vor wenigen Tagen im Oberhaus, als die Frage diskutiert wurde, ob es – erwünscht oder auch nur möglich sei, eine deutsche Zentralregierung zuzulassen, in seiner Antwort an Lord Vansittart berichtet, er habe viele Menschen in verantwortlichen deutschen Verwaltungsstellen gefragt, wieweit der einfache Deutsche, der jetzt Kenntnis habe von den fürchterlichen Verbrechen der deutschen Führung, ein Gefühl der Reue und des Abscheus empfinde. Die Verwaltungsbeamten hätten diese Frage mit dem Satz beantwortet: „Nicht die geringste Spur eines solchen Gefühls ist vorhanden.“

Die Meldung, der wir diese Nachricht entnehmen, läßt nicht erkennen, ob es deutsche oder englische Beamte waren, die diese Feststellung getroffen haben. So ist denn auch nicht zu erweisen, wieweit Übersetzungsfehler sich eingeschlichen haben, oder wie sonst das Mißverständnis hat entstehen können, das deutsche Volk betrachte die unerhörten und grauenvollen Taten Hitlers und seiner Verbrecher nicht mit Abscheu und Entsetzen. Daß dies vielmehr fast ausnahmslos geschieht, ja sogar in jenen Kreisen ehrlich geschieht, denen es heute noch schwerfällt, dem Nationalsozialismus jeden anständigen Idealismus von Anbeginn her abzusprechen, ist eine offenbare Tatsache. An ihr zu zweifeln, hieße. sich einem verhängnisvollen Irrtum hingeben.

Mit der Reue steht es anders. Wohl ist ein allgemeines Schaudern da, daß von Deutschen so unerhörte Frevel verübt werden konnten, ein fassungsloses Entsetzen, daß auf der Welt unter Menschen solche Taten überhaupt möglich waren, Reue aber setzt ein Schuldgefühl voraus, ja, geradezu ein Bekenntnis, daß jeder einzelne Deutsche teilhabe an den Verbrechen, die geschehen sind. Und dieses Schuldgefühl ist nicht vorhanden. dieses Bekenntnis wird von der überwiegenden Mehrheit des deutschen Volkes abgelehnt.

Heißt dies, daß wir verstockt und störrisch sind? Wer das behauptet, urteilt oberflächlich. Die Frage brennt in unseren Herzen. Reden und Aufsätze gehen von Hand zu Hand, wie während der Hitlerzeit die Predigten, und Briefe. des Grafen Galen und des Kardinals Faulhaber. In Tausenden von Abschriften wird verbreitet, was Jung und Barth, was Thielecke und Wolff zur deutschen Schuld dem deutschen Volk gesagt haben, was Niemöller und Reinhold Schneider geschrieben haben, um unser Gewissen zu schärfen. Viel und lang ist dies von uns erörtert, in Rede und Gegenrede mit tiefem Ernst hin und her gewendet und erforscht worden. Wir wissen wohl, die Welt erwartet von uns ein offenes, uneingeschränktes Schuldbekenntnis. Das deutsche Volk jedoch lehnt diese Forderung ab und antwortet auf alles feindliche Drohen und alles freundschaftliche Drängen mit einem klaren deutlichen, unmißverständlichen Nein. Wie ist das zu verstehen?

Als bei dem Vormarsch der britischen und amerikanischen Armeen die Verbrechen der deutschen Konzentrationslager zum ersten Male aufgedeckt wurden, ging ein Schrei des Entsetzens durch die Welt – und auch durch Deutschland. Deutsche Frauen weinten hemmungslos, als sie die ersten Nachrichten über Belsen aus dem verbotenen englischen Sender hörten. Und wie dann immer wieder die Sätze kamen: Daran ist jeder einzelne Deutsche schuld, das ganze deutsche Volk muß dafür büßen, – da schrien die Menschen auf: „Ich nicht, ich habe es nicht gewußt, nicht einmal die Namen dieser Lager habe ich gekannt.“ Und dies ist wahr, ist unbezweifelbar wahr. Wie kann man sich da wundern, daß Menschen diese Schuld, die ihnen bis dahin unbekannt geblieben war, nicht auf sich nehmen wollen? Die wenigen, die wirklich etwas wußten – alles wissen konnten nur jene, die unmittelbar an den Verbrechen selbst beteiligt waren, und von denen wird hier nicht gesprochen, denn über die zu urteilen ist Sache des Gerichts in Nürnberg –, die also wirklich etwas wußten, was hätten sie tun können, um das Entsetzliche zu verhindern? Cum tacent, clamant? Sie haben geschwiegen und so bekundet, daß sie einverstanden waren? O nein, so war es nicht, sie haben geschwiegen, weil sie sonst für sich und ihre Familie mit Sicherheit den Tod erwarten mußten, und es für niemand von Nutzen gewesen wäre, wenn sie öffentlich gesprochen hätten. Was aber viele unter ihnen im Verborgenen geleistet haben, indem sie immer wieder jede Gelegenheit nutzten, um Abscheu vor dem Regiment der Nazis zu erwecken, nach diesem stillen Heldentum zu fragen, ist bisher noch keinem eingefallen, der sie verdammt Wenn man von ihnen heute verlangt, sie sollten bekennen, daß sie schuldig seien an den Greueln, unter denen sie gelitten, können sie dann ehrlicherweise anders antworten als mit einem rückhaltlosen Nein?

Nun hat man uns zu überzeugen versucht, wir müßten unsere Schuld in einem tieferen Sinne erfassen, als es bisher geschehen ist. Der Standpunkt, von dem aus in dieser Weise zu uns gesprochen wird, wechselt, und mit ihm wechseln auch die Argumente. Historiker wollen uns überzeugen, das deutsche Volk, wie die Geschichte lehre, sei seiner Veranlagung nach prädestiniert, abscheuliche Greuel zu begehen. Ein Psychoanalytiker von Weltruf hat alte Mythen wieder ausgegraben und aus grauer Vorzeit bewiesen, daß es eine Kollektivschuld gäbe, unter der wir zu leiden hätten. So tummelt einer nach dem andern sein Steckenpferd vor uns, und man möge uns nicht verübeln, daß wir ein wenig die Geduld verlieren in dem Gefühl, es komme den Herren mehr darauf an, uns zu zeigen, wie sie mit ihren Lieblingsideen recht behalten, als objektiv den Nachweis unserer Schuld so zu erbringen, daß wir sie einsehen können. Kein Wunder, daß es keinem von ihnen bisher gelungen ist, uns zu überzeugen.

An diesem Punkt stehen die Auseinandersetzungen. Die Welt verlangt von uns: Bekenne. Wir sagen: Nein. Vielleicht, so könnte man meinen, wäre es besser, es hierbei auf eine Weile zu belassen, bis die Erbitterung sich gelegt hat, und man gemeinsam mit gutem Willen an die Erörterung dieser Frage gehen kann. Gewiß, wäre dies zu erwägen, wenn nicht die Gefahr bestände, daß ein Verstocktsein wirklich allmählich einen Teil des deutschen Volkes ergreifen könnte, wenn nicht zu fürchten wäre, daß angesichts der Tatsache, daß man das deutsche Volk als Ganzes immer wieder in der Welt verurteilt, manche, um sich zu wehren, beginnen könnten, Vergleiche zu ziehen, ja, daß das gefährliche Gleichnis vom Sündenbock in diesem Zusammenhang auftauchen könnte.