Von Fritz Krischen

In unserer Stadt – es ist nicht Hamburg – wird jetzt manchmal von einer kommenden Volkshochschule gesprochen. Was mir in diesen Monaten von Verlautbarungen über Wesen und Ziele der Volkshochschule zu Ohren gekommen ist, scheint mir aber im Begriff so unscharf und in den Absichten so überwiegend politischer Natur zu sein, daß es vielleicht angebracht ist, eine Aussprache über einen Gegenstand anzuregen, der unzweifelhaft allgemeine Teilnahme und gewissenhafte Behandlung verdient.

Wenn das Wort „Hochschule“ nicht bloß eitle Spielerei sein soll, so muß man sich zunächst über seinen eigentlichen Wortsinn verständigen. Kurz gesagt ist die Hochschule dazu da, unser Wissen zu vermehren, die Schule, es zu verbreiten. Es wird also der Hochschüler an dem Werden und Wachsen der Wissenschaft unmittelbar, nach Möglichkeit sogar tätig mitwirkend beteiligt, während der Schüler der andern Schulen lediglich ein Empfangender ist. Der Volkshochschule wirkliche Hochschullehrer, nämlich schöpferische Sonderfachleute zu verschaffen, ist ohne weiteres angängig; schwieriger ist die Frage, wie denn der Volkshochschulen als schöpferisch mitwirkend gedacht werden könnte, auch wenn man sinngemäß höhere Anforderungen an ihn stellt als an den Volksschüler.

Ich darf da vielleicht aus eigenem Erleben dies und das vom Zusammentreffen eines Hochschullehrers mit Bildungswünschen von Bauern, Arbeitern und Soldaten berichten. Im Spätsommer 1944 zur Spatenarbeit in der Umgebung der Festung Graudenz aufgeboten, mußte ich so mancher andern Spatenarbeit gedenken, mit der ich als Architekt und Archäologe in Vorderasien, in Ägypten oder griechischen Bereichen befaßt war. Es war mit immer als eine besondere Gunst des Schicksals erschienen, die erst verdient sein wollte, den Geheimnissen und Wundern einer fernen Vorzeit nachgehen zu dürfen. Aber das ungeheure Vergnügen, das ich selber als Detektiv auf den Spuren tausendjähriger Vergangenheit empfand, schien mir an so viele mühselige Voraussetzungen geknüpft, daß, es fraglich sein konnte, ob es ohne solche Voraussetzungen vermittelt werden könnte. Darf man die Altertumswissenschaften als „volksnah“ oder „zeitnah“ bezeichnen? Nicht jeder wird dies bejahen!

Und doch ließen sich die Arbeitskameraden in den Atempausen des Grabens gern über Ausgrabungen berichten von einem, der dabei war. Lag doch die Erwartung nicht zu fern, daß der Zufall uns irgendwelche Überraschungen bescherte, die eine. verständige Behandlung verlangten. Und abends im Quartier, das ich bei deutschen Bauern gefunden hatte, die aus der Warschauer Gegend nach Westpreußen verpflanzt waren, versuchte ich mein gutes Bett und die nahrhafte Verpflegung zu verdienen durch ausführliche Beantwortung der Fragen, die mannigfaltig genug gestellt wurden. Die Leute führten, ein sehr reges religiöses Leben und kamen regelmäßig mit den Nachbarn zu Andachten und Bibellesungen zusammen, obwohl man ihren Pfarrer weggeholt und die in der Gegend waltende SS vor Leonardos .Abendmahlbild, das die gute Stube schmückte, ihr Mißfallen ausgedrückt hatte, daß da immer noch „der Judenjunge“ an der Wand hinge. Gerade die schwierigsten und letzten Dinge mit schlichten, aber tüchtigen Menschen zu erörtern, empfand ich für mich selber als Gewinn durch die fruchtbare Notwendigkeit, den einfachsten und menschlichsten Ausdrude für verwickelte und fremdartige Erscheinungen zu finden. Das ist überhaupt der Punkt, wo die schöpferische Einwirkung der Volkshochschulen möglich. ist, insofern sie Wissenschaft und Wissenschaftler verhindern, sich in nur fachliches Denken und in das Fachwort zu verlieren. Natürlich kann das Gespräch auch lehrhafte Kurzweil bevorzugen, und meine Bauersleute ließen sich denn auch sehr gern vom alten Babylon, aber auch von der Landwirtschaft im heutigen Mesopotamien und schließlich auch von Goethe und Homer erzählen. Das klassische Beispiel für die glückliche Wirkung eines solchen Zusammenstoßes von Bildungsträger und erst sich öffnenden Gemütern ist immer noch unser Heinrich Schliemann. Als armer Lehrjunge im Kramladen hatte er Verse Homers von einem schwärmenden Studenten vernommen und daraus die Sehnsucht geschöpft, die seinen Lebensweg bestimmte und ihn zum Entdecker der bis dahin noch ganz unbekannten Welt des frühesten Griechentums machte.

In größerem Ausmaße habe ich die Aufnahmefreudigkeit für scheinbar abgelegenste Dinge bei meinen Bauarbeiten erlebt, als ich während umfangreicher Siedlungsbauten in Danzig 1929/1930 dem Wunsch begegnete, ich möchte der Belegschaft Vorträge aus meiner archäologischen Praxis halten. Die Anknüpfung war zunächst, da es sich um christlich-soziale Arbeiter handelte, durch die Bibel gegeben. Der babylonische Turm und die Josephs? erzählung führten von selbst nach Mesopotamien und Ägypten, und von da ging es weiter: die Leute kamen schon eine halbe Stunde vor Beginn und konnten sobald nicht genug kriegen, wie ich immer wieder ausdrücklich festgestellt habe. Natürlich ‚war es wichtig, sie zu Zwischenfragen zu bringen, die dann sehr verständig ausfielen und mir selbst genug nützliche Anregung gaben. Mir waren solche Erlebnisse schon in jüngeren Jahren begegnet. Als Architekturstudent das Maurerbandwerk lernend, und als Kriegsfreiwilliger des vorigen Krieges mit erheblich jüngeren Rekruten ausgebildet, hatte ich immer wieder Gelegenheit, zu erfahren, wie aufnahmebereit und dankbar gerade die einfachsten Gemüter waren.

Nur mit einer Sorte war nichts anzufangen, mit den Vertretern einer abgeschlossenen Halbbildung, die sich auf irgendein Gedrucktes berufen konnten und somit alles besser wußten. Sonst aber wurde alles gefragt und zuletzt sogar die Entscheidung darüber angerufen, ob Gott sei oder nicht, sei. Politik war es aber ganz gewiß nicht, was die Leute in erster Linie verlangten. Diesen Stein hat man uns viel zu oft für Brot gegeben.