Das deutsche schaffende Volk begeht den 1. Mai wieder als Feiertag der Arbeit ohne Zwang, ohne Phrasen und ohne Überheblichkeit, im großen Bekenntnis zu Freiheit und Verbundenheit der Völker. Aus dem deutschen Nationalfest ist wieder der Tag der Völkerverständigung’ geworden.

Das war der alte Sinn des 1. Mai, den die Arbeiterbewegung in der ganzen Welt ihm gegeben hat. Schreckliches ist seitdem geschehen. In Deutschland wurde dieser Tag entweiht durch Haß und niedere Leidenschaften, die im Nachbarn nicht den Bruder, sondern den Feind sahen. Aber haben wir uns heute von diesem Geiste der engstirnigen Selbstüberhebung, der kleinlichen Betonung unseres Ichs völlig freigemacht? Oder hat die Not uns nicht noch tiefer gebeugt, eingesponnen in Sorgen, Mühen und Plagen? Fühlen wir uns nicht mehr denn je gedrückt, ausgebeutet, mißachtet?

Frei wollen wir sein, aber schon spüren wir wieder den Geist der Unfreiheit, wenn wir etwa hören, daß aus einer großen Arbeiterpartei, die sich mit besonderem Stolz zum demokratischen Gedanken bekehrt hat, Männer ausgeschlossen werden, nur weil sie den Zusammenschluß mit einer anderen Partei ablehnen, deren Bekenntnis zur Demokratie wesentlich jüngeren Datums ist. Von Zentralstellen wird über den Willen des einzelnen verfügt, mit dem Schlagwort „Disziplin“ wird eine Methode verteidigt, die im Kern wenig mit dem großen erhebenden Gedanken der Freiheit zu tun hat, deren Wahrzeichen der 1. Mai sein sollte.

Nur in einem hat sich der Sinn des 1. Mai gegenüber früher grundlegend geändert. Er wird, so wollen wir hoffen, wenigstens in Deutschland nicht mehr angesehen werden als der Tag, der dem Klassenkampf geweiht ist. Zuviel ist in den letzten 13 Unglücksjahren auf uns herniedergegangen. Die großen Vermögen, die einst unten Neid und Mißgunst erregten, oben zu Standesdünkel und Selbstsucht verleiteten, sind verschwunden oder derart zusammengeschmolzen, daß sie im sozialen Aufbau des Volkes keine Rolle mehr spielen. Zusammengepreßt auf allerengstem Raum kann uns nur noch eines helfen: Zusammenzustehen!

Am 1. Mai wollen wir uns eines versprechen: Alle Kraft einzusetzen, damit sobald wie nur irgend möglich aus den Trümmern unserer Städte ein neues, arbeitendes, friedliebendes, weltoffenes Deutschland erstehen möge.