Von Fred Hamel

Vor dreißig Jahren, am 11. Mai 1916, ist Max Reger gestorben. Dennoch heißt über ihn zu schreiben, nicht eines Toten zu gedenken. Es heißt, sich zu einem Lebendigen zu bekennen. Und um zu ihm zu gelangen, müssen wir von uns ausgehen.

Ein Abstand von dreißig Jahren ist dazu gerade der rechte. Es ist wichtig, daß uns just ein Menschenalter von Reger trennt. Anfang und Ende dieses Zeitraums sind durch Weltkriege bezeichnet. Zweinal tobte der Orkan auch über das europäische Geistes- und Kulturleben dahin und stellte seine Fundamente in Frage. Suchten wir die Krise nach km ersten Krieg, der uns noch schonend behandelte, durch ein gesteigertes und selbst ein über die Stränge schlagendes Lebensgefühl zu überwinden. so bleibt uns nach dem zweiten, der alles zerbrochen hat, nichts als ein tiefer Ernst und eine einzige heiße Sehnsucht, die Sehnsucht nach dem Wesentlichen.

Vor dieser Sehnsucht hat nicht viel Bestand. Am wenigsten von dem, was der Moderne des ersten Nachkrieges verhaftet war. Wieder einmal erleben wir, daß es eine Wiederkehr der Mode nicht gibt, und daß nur das weiterwirkt, was aus ihr über sie hinauswächst. Gerade in dieser unerbittlichen Sichtung aber zeichnet sich die Wertbeständigkeit von Erscheinungen ab, die durch die Mode von einst schon ein ganz klein wenig als überholt angesehen wurden. Und zu ihnen gehört, in erster Linie, Max Reger.

Noch klingt uns im Ohr, was die Opposition der unmittelbar folgenden Generation gegen ihn geltend machte. Allzusehr, hieß es, sei er seiner Zeit verhaftet, jener Zeit des Gründertums, des Fin de siècle und des Vorkriegs, jener Epoche des satten Lebens und des Sensationsbedürfnisses abgestumpfter Nerven – mit der Musik überfetteter Wohlklänge der in Schönheit sterbenden Romantik, überfeinerter Empfindlichkeit des blutleeren Impressionismus und übersteigerter Exaltationen des uferlosen Expressionismus. Alles das sah man musikalisch in der Kunst Max Regers, und vor allem in seinen promethäischen Fantasien auf der Orgel verwirklicht. Und es ist wirklich nicht verwunderlich, daß ehe Zeit, die gerade eben die junge Orgelbewegung mit dem gotischen Klangideal der klaren, verschlungenen Linienführung aufs Panier hob, die Klangorgien dieser Regerschen Orgeldichtungen als widernatürliche Vergewaltigungen des königlichen Instruments ansah.

Zugegeben: der Tatbestand, daß Reger all den gegensätzlichen Regungen und ungeheuren Spannungen seiner Zeit, jenem Tanz auf dem Vulkan unterirdischen Grollens und Bebens Ausdruck gegeben ist – dieser Tatbestand ist nicht zu leugnen. Sein symphonischer Prolog zu einer Tragödie ist bis heute das erschütterndste Dokument dafür geblieben. Aber das ist nun einmal kein lebendiger Künstler, der nicht in seiner Zeit lebt. Und Reger ist nur einer unter vielen, die ihn an Bedeutung erreicht, an Erfolg zum Teil noch übertroffen haben. Mit ihm sind Giacomo Puccini und Claude Debussy, Hugo Wolf und Richard Strauß, Gustav Mahler und Arnold Schönberg, Ferruccio Busoni und Hans Pfitzner alle binnen eines halben Menschenalters zur Welt gekommen. Und so viel verschiedene Individualitäten, so viel verschiedene Spiegelungen des brodelnder! Hexenkessels jener Zeit beten sie in ihrer Musik dar.

Kaum einer aber hat diese Mission, die Schicksalsgemeinschaft dieser letzten beispiellos musikschöpferischen Generation so sehr empfunden wie Max Reger. Als Richard Strauß, mit seiner Komposition der Salome von Oscar Wilde, 1905, den seelischen Explosivstoff in unerhört kühnen und aufwühlenden Klängen schonungslos aufgedeckt und damit das unsterbliche Geschlecht der Philister wieder einmal richtig in Harnisch gebracht hatte, da war es Reger, der sich zum Wortführer der gemeinsamen Sache machte. Damals fiel sein ebenso oft zitiertes wie mißdeutetes Wort: „Wir reiten unentwegt nach links.“ Es war nicht mehr und nicht weniger als Kampfansage an die Kulturreakrion, Bekenntnis zum Geist des künstlerischen Fortschritts – Bekenntnis zur eigenen Generation und zur eigenen Zeit.