Berlin. Anfang Mai

Das Verhältnis des Lesen zum gedruckten Wort ist voll merkwürdiger Widersprüche. „Alles Schwindel!“ kann man den Berliner sagen hören, wenn er seine Zeitung zusammenfaltet und umständlich in die Tasche steckt. „Alles Zeitungsquatsch! Will keiner mehr wissen.“ Damit zieht er seines Weges fort, um sich eine neue Zeitung zu kaufen. Ist sie noch nicht da. so wird sich der Berliner in die Schlange stellen und geduldig warten, bis sie kommt – und inzwischen Zeitung lesen.

Es ist eine Sache zum Nachdenken. Sie haben keine Zeit, sie haben kein Geld, und sie, „wollen es nicht wissen“ Aber sie opfern Zeit und Geld und selbst die Skepsis, um zu vier Seiten bedruckten Papiers zu kommen, das morgen vielleicht nur noch Haushaltswert besitzen wird. Warum lesen sie mit solcher Leidenschaft wenn alles Schwindel ist? Glauben sie ihrer Zeitung, oder glauben sie ihr nicht?

Natürlich glauben sie, denn die Magie des Schwarz-auf-Weiß ist immer wieder stärker als die eingeborene Nüchternheit und das erlernte Mißtrauen. Daneben aber halten sie sich ein Türchen offen, vor sich selbst und vor den andern: glauben das Gelesene sozusagen unter der Bedingung, daß es wahr ist – glauben, mit andern. Worten, auf Widerruf und in dem bestimmten Gefühl, daß alle Dinge in der Welt, vornehmlich aber die starken Behauptungen, höchst wandelbar sind.

Um diesen Leser nun, der keiner von den bequemen. vielmehr einer von den gewitzten ist, um diesen mittleren Berliner bemühen sich elf Tageszeitungen. Ein knappes Dutzend also, viel für heute und sogar in besseren Zeiten ansehnlich. Er wird mit dieser Zahl spielend fertig, ja mehr als das; geht man statistisch vor (auf den Kopf der Bevölkerung ...“). dann würde noch das Kind in der Wiege, genauer: jedes 1,5. Wiegenkind sein Blättchen lesen. So ist die Redensart vom Zeitungsparadies, in dem wir hier leben sollen, denn kein Zonenmärchen, sondern wirklich und wahr. Die Verlage wissen es. III Zeitungen – und alle wachsen wie die Weide am Wasser.

So stellt es sich heute dar, am Ende des „ersten Jahres danach“. Doch keiner von den Zeitungsmännern Berlins wird es so leicht vergessen: elf Zeitungen werben heute um den Berliner Leser. Was für Dramen haben sich um jede dieser elf Geburten abgespielt, was für Herren-, was für Willens- und vor allem was für Findigkeitsproben waren zu bestehen, bis es so weit war. Ich weiß von einer Zeitung, die durch Monate im Norden der Stadt redigiert und im Süden gedruckt werden mußte. Das heißt, es lag zwischen Schreibtisch und Setzkasten ein Weg von zwanzig Kilometer. Kein Auto, nicht einmal ein Telephon. Im Druckhaus eine betagte Maschine mit Altersneurosen, ein kapriziöses Stück Technik, voller Tücken. Und draußen vor der Tür immer schon einer, der wartete, ungeduldig, mit der Uhr in der Hand; denn sie, die alte, war ja weit und breit das einzige Exemplar der Gattung. Dennoch: man erschien. Man erschien und hatte Erfolg.

So hat wohl jedes unserer Blätter seine drangvolle oder romantische Periode in den Annalen des ersten Jahres. Das Schwierigste, das ganz und gar Vertrackte aber stand jenseits von Technik oder kaufmännischen Berechnungen: es war die Persönlichkeitsfrage. Wo waren sie hin, die hundert oder mehr Federn, die einst nur auf den „Startschuß“ warteten, um loszuschreiben? Wo waren sie hin. die Journalisten, die ihr Handwerk verstanden und die einmal in hellen Haufen all die kleinen Konditoreien zwischen Wilhelm- und Jerusalemer Straße besetzt hielten, Gott und die Welt kannten und von jeder Sache Wind hatten, noch bevor sie passierte? Zerstreut in der Welt, verschollen im Krieg, verloren in den andern Zonen. Und wenn hier und da noch einer zwischen den Ruinen hausen mochte, wie wurde man seiner habhaft? Und wenn man seiner habhaft würde: wie groß war der Splitter in seinem Auge?