Als sich am 1. April dieses Jahres in den Mauern um Deutschland eine Tür öffnete, als Briefe und Karten durch sie in die Welt hinaustreten konnten, da durfte auch ein Brief von meiner Hand auf die Reise gehen. Ein Brief an Hermann Hesse, Montagnola, Schweiz.

Mein Brief war ein Privatbrief, der von mir und meinen Erlebnissen berichtete, dort anknüpfend, wo im Krieg, Ende des Jahres 1944, der Postweg zwischen uns durch die sich überstürzenden Ereignisse unterbrochen worden war. Aber mein Brief enthielt auch Fragen. Was aus Deutschland geworden sei? Und ob es auch faßbar, denkbar, fühlbar sei, daß einst ein Goethe, Hölderlin, Beethoven, Mozart – Deutschland waren? Aber wer ist da, was ist da an Kräften?

So schrieb ich Ihnen, so fragte ich. Inzwischen legten mir Freunde eine Abschrift aus Ihrem „Rigi-Tagebuch“ auf den Tisch. Es sind gute Worte, ja, es sind die besten Worte, die seit langem zu uns fanden. Mancher sprach zu uns von draußen her: ich denke an Franz Werfels „Botschaft an das deutsche Volk“, in der über dieses insgesamt ein Urteil ausgesprochen wurde, das der Dichter Werfel nicht gefällt haben würde, hätte er Deutschland in den letzten Jahren mitgelebt und -erlebt. Ich denke auch an Thomas Mann, der eine Botschaft an uns richtete, doch in denbesten, wachsten, klarsten Geistern unseres Volkes kein Gehör fand und zurückgewiesen werden mußte als ein Fremdgewordener, der nichts mehr wußte von uns und unserem Schicksal. Nichts davon bei Ihnen, nicht Haß und nicht Verachtung, nicht Strafpredigt und nicht Verdammnis.

Von Briefen aus Deutschland war die Rede in Ihrem „Rigi-Tagebuch“, nicht von „zufälligen, sondern von erwarteten Briefen deutscher Freunde, die natürlich keine Gläubiger des Dritten Reiches oder Nutznießer der Hitlerherrschaft, sondern tief beunruhigte Zeugen seines Großwerdens und seiner Herrschaft gewesen sind“. Und dann schrieben Sie an einer Stelle:

„Diese Menschen nun, von denen ich glaube, daß sie zurzeit die leidgeprüftesten, reifsten und weisesten in Europa sind, haben teils bewußt und willentlich, teils unbewußt und instinktiv versucht, sich von allem Nationalismus zu befreien. Ich glaube, daß die Mehrheit derer in Deutschland, die diesen zwölf Jahre dauernden Angsttraum überlebt haben, gebrochen und zur aktiven Teilnahme an einem Wiederaufbau nicht mehr fähig ist. Wohl aber können sie unendlich viel beitragen zur geistigen und moralischen Erweckung ihres Volkes, das vorläufig noch gar nicht begonnen hat, das Geschehene und von ihm zu Verantwortende ins Bewußtsein einzulassen. Der müden Stumpfheit des Volkes steht bei jedem Wachgebliebenen eine ungeheure empfindliche Bereitschaft für die Bewältigung der Schuldfrage ein höchst zart und wund gewordenes Gewissen gegenüber.“

Diese Ihre Worte trafen uns, wo unsere Frage brennt: Wer ist da, was ist da an Kräften? Kann das eine Kraft sein, diese Überwachheit des Gewissens? Ich sage: ja! doch füge auch hinzu: man überschätze diese Kraft da draußen nicht, die Sehnen unserer Leiber, unserer Seelen sind aufs äußerste gespannt! Wenn sie zerreißen, dann zerreißt auch jene Kraft, die noch gegeben ist zur „geistigen und moralischen Erweckung“ unseres Volkes!

Zu einer Reinheit des Herzens und damit auch zu einem reinen Willen zu kommen, das ist wohl der notwendigste Schritt; der getan werden muß, um einmal jene Stufe innerer Läuterung zu erreichen, die Sie, lieber Hermann Hesse, lange vor uns erreicht haben. Denn nur aus solchem geläuterten Menschen- und Dichtertum konnten jene Ihrer Worte uns so tief berühren: