Von Manfred Hausmann

Die Rolle, die das lyrische Gedicht in Hellas spielte, war eine durchaus andere als jene, die ihm in unserer Welt zukommt. Es steht nun einmal so, daß bei uns die Allgemeinheit das Gedicht als eine teils verwirrende, teils lächerliche, teils angenehme, teils unbegreifliche Zugabe zu den eigentlichen Lebenswerten, als eine Art von Verzierung, die vorhanden sein, die aber ebensogut auch fehlen kann, als eine durch und durch ästhetische Angelegenheit empfindet, mit der ernsthafte Leute sich nicht befassen sollten. Wenn es keine Gedichte gäbe, würde sich unser Treiben und Gebaren jedenfalls um keinen Deut anders ausnehmen als jetzt. Die Gedichte haben am Rande unseres Daseins ihr wenig beachtetes Luxusleben, nichts sonst. Ihnen fällt keine Aufgabe, kein Sinn, keine Pflicht und kein Amt in unserer Gesellschaft zu. Und wie die Dichtung, zumal die lyrische, keinen Ort hat, an dem sie west, und keine Stunde, zu der sie waltet, so ist der Dichter der Unbehauste in unserer Welt und Zeit, der Überflüssige, der Ungefragte, der Ungehörte, allenfalls der Bestaunte, aber der seiner Fremdheit und Seltsamkeit wegen Bestaunte.

In Griechenland war dagegen die Dichtung, wie übrigens alle Kunst, unmittelbar in den Teppich des Lebens eingewoben. Man kann sagen, das Leben sei Kunst, und man kann sagen, die Kunst sei Leben gewesen. Immer wieder erhöhte sich der Alltag zum Gedicht, wurde die Gelegenheit, sei es die von den Menschen, sei es die von den Göttern erwirkte, im Gesang gedeutet und geheiligt. Wenn man das Gedicht aus dem griechischen Leben herauslösen würde, sofern es überhaupt anginge, so bliebe etwas zurück, was nicht mehr griechisch und nicht mehr Leben wäre, etwas Glanzloses, Zerstörtes und Unbeseeltes. Dort war das Gedicht nicht Zugabe und Verzierung, sondern Wesen. In seiner klaren, bis ins Innerste aufgehellten Ordnung bildete es vom Arbeitsliedchen bis zur hohen Form des Hymnus einen wesenhaften Bestandteil der Ordnungen des Tages.

Daß die hymnischen Gesänge, die zu Ehren der Götter und Menschen bei festlichen Anlässen angestimmt wurden, um den Augenblick über sich hinauszuheben und dem kultischen Geschehen Weihe und Größe mitzuteilen, daß diese mit mythischen Vor- und Gegenbildern durchsetzten Chöre ihre tiefere, ihre existentielle Bedeutung im Leben der Gesamtheit wie des Einzelnen hatten, ist unschwer zu begreifen. Es leuchtet auch ein, daß die Sentenzdichtung, die im scheinbar Zufälligen und Vergänglichen das Sinnvolle und Dauernde suchte und es als Wahrheit und Gültigkeit in wahrer und gültiger Form darbot, an der Schaffung des griechischen Lebensgefühls entscheidend beteiligt war. In der Welt des christlichen Mittelalters fiel ja den kirchlichen Hymnen und Chorälen, fiel den Mysterienspielen, fiel ja der Kunst überhaupt, insbesondere der Malerei und Plastik, eine ähnliche Aufgabe und Wirkung zu. Auch damals hatte die Kunst keine ästhetischen, abseitigen und eigenen Inhalte, sondern war vom christlichen Lebensgefühl getragen und trug wiederum das christliche Lebensgefühl. Und ein anderes als das christliche, das heißt: als das angstvoll auf Jenseitiges gerichtete, gab es nicht.

Die gesellschaftliche Funktion der großen griechischen Lyrik ist, wie gesagt, leicht zu begreifen. Daß aber auch die Lyrik im engeren Sinne, die kleinen Lieder und stimmungshaften Gedichte, daß auch die persönlichen Aussagen nicht für sich dastanden, sondern ins alltägliche Geschehen eingereiht waren, daß sie nicht irgendwelche Begebenheiten des Lebens besangen, sondern die Begebenheiten selbst, das Leben selbst waren, daß sich das griechische Leben in ihnen unmittelbar ereignete, gewiß nicht nur in ihnen aber doch auch in ihnen, daß sie lebenszugehörig und lebensnotwendig waren, wird manchem unglaubwürdig vorkommen wollen. Man braucht sich aber nur einmal die Formen dieser Lieder, der Sapphoschen etwa, anzusehen, um zu erkennen, wie eng sie mit dem Alltag zusammenhingen. Es sind die im Dunkel vorgeschichtlicher Zeiten entstandenen Liedformen, die von Sappho und andern aufgenommen und fortgeführt wurden, die Formen der Arbeits-, Tanz-, Spott-, Trink-, Hochzeits- und Kultlieder; Lauter Liedarten also, die ihren Sinn nicht in sich selbst haben, sondern ihn von der Gelegenheit empfangen, die nicht lediglich dem Gesetz der Kunst, sondern ebensosehr und mehr noch den Geschehnissen des Tages verpflichtet sind. Den Geschehnissen des Tages, soweit sie den Menschen betreffen. Der Mensch und immer wieder der Mensch und seine Zwecke stehen im Mittelpunkt der Lyrik und nicht die Kunst. Die reine Natur- und Stimmungslyrik, die sich selbst genügt, kennt die archaische Zeit kaum. Wo dergleichen einmal erklingt, dient es fast stets als Gleichnis der Verdeutlichung und Sichtbarmachung von Menschlichkeiten. So kommt es denn auch kaum vor, daß ein Dichter monologisch spricht, wie es heutigentags die Regel ist. Immer wird jemand in ganz bestimmter Absicht angeredet, der Gott, die Geliebte, der Freund, die Festgemeinde, die Tanzgefährten, die Kampfgenossen. Man kann bei jedem Gedicht herausfinden, aus welchem Anlaß und in welcher Absicht es ersonnen wurde.

Damit hängt aufs engste die Tatsache zusammen, daß in den Versen weder Verschwommenheiten noch Gefühlsseligkeiten zu finden sind. Die Menschen und ihre Verhältnisse werden allenthalben klar und einfach gesehen, die Gefühle nur eben angedeutet. Eine morgendliche Verhaltenheit herrscht vor, die sich manchmal bis zur Nüchternheit steigert. Aber es ist die heilige Nüchternheit, die nicht Armut, sondern Reichtum, nicht Einfallslosigkeit, sondern Keuschheit bedeutet. Wer zu andern spricht, hütet sich vor Überschwenglichkeiten, zu denen er sich, wenn er ein Selbstgespräch führte, schon eher verstehen könnte. Wer Dinge des täglichen Gebrauchs erschafft, muß, notwendigerweise auf Einfachheit bedacht sein, nein, nicht bedacht sein, muß einfach sein. Und das besagt in diesem Zusammenhang soviel wie wahr sein, er muß den Mut zur letzten Wahrheit haben.

Zir letzten, zur allerletzten Wahrheit gehört freilch auch die neue und schmerzliche Erkenntnis, daß es die Einsamkeit des Menschen gibt. Deshalb ertönt hin und wieder auch, selten freilich, sehr selten nur, der todeinsame Gesang, in dem die Seele sich mit sich selbst unterredet. Diese Lieder wirken dann, gerade weil sie so selten und nur inhöchster Not fast wider den Willen des Singenden über seine Lippen kommen, um so erschütternder.