In letzter Zeit sind verschiedentlich Zuschriften aus Kreisen der Jugend an uns gelangt. Wir begrüßen dies mit besonderer Freude und werden ihnen dann, wenn wir glauben, daß sie vertretbar und zugleich von allgemeinem Interesse sind, gern, soweit möglich, einen Platz in unserer Zeitung einräumen.

Tausende von Studenten erhalten in diesen Tagenden Bescheid der Universität, daß sie für das kommende Semester zum Studium nicht zugelassen seien. Sie stehen damit auf dem kaum bestrittenen Weg vor einem jähen Ende, über das hinaus ihnen jeder Blick in die Zukunft versagt ist. Alle wußten, daß nur ein Teil der Bewerber zugelassen werden könnte. Nach den jetzt vorliegenden Ergebnissen konzentriert sich alles Interesse darauf, nach welchen Grundsätzen die Auslese erfolgt ist, weshalb dieser nicht und jener zugelassen wurde.

Man steht zunächst vor der überraschenden Tatsache, daß die Fälle offenbar nach verschiedenem Maß beurteilt worden sind, so daß man sich die Frage stellen muß, ob es überhaupt möglich sei, die Jugend nach politischen Gesichtspunkten zu beurteilen und zu klassifizieren.

Man sehe sich die Berufungsfälle an: Examenssemester werden wegen nomineller Zugehörigkeit zum NS-Studentenbund nicht zugelassen. Wer den NS-Studentenbund gekannt hat, weiß, daß für seine ehemaligen Angehörigen eine politische „Belastung“ nicht gegeben sein kann. Wer als Schüler im VDA, daneben durch seine Mitgliedschaft im Schwimm- oder Fußballverein im NSLR, anschließend in einer praktischen Tätigkeit automatisch in der DAF, danach im RAD und schließlich im Krieg Offizier war, für den summieren sich diese Faktoren, die einzeln nicht gewertet werden, plötzlich doch zu einer Belastung. Man erkennt, welche Unterschiedlichkeiten in der Auslegung hier möglich sind. Man kann sich daher nicht wundern, wenn der Student, auch der zugelassene, kein Vertrauen in derartige Verfahren setzt, weil sie nicht der Billigkeit entsprechen, sondern willkürlich Stufen schaffen, die im Leben nicht vorhanden waren.

Nach all diesen Erfahrungen, auch des letzten Jahres, kommen wir daher heute immer mehr zu der Erkenntnis, daß in der politischen Beurteilung der Jugend nicht dieselben Verfahren angewandt werden können wie bei Menschen, die das Hitlerregime als politisch Erwachsene erlebten.

Staatsminister Grimme hat vor – der Hamburger Jugend die Lage treffend gekennzeichnet, wenn er sagte, daß die Jugend ja nicht die Möglichkeit zu freier Meinungsbildung und kein Material für ein Für und Wider zu einer Auseinandersetzung mit der Zeit, nicht die Grundvoraussetzung für eine Überzeugung: die klare Einsicht besaß. Aus den ihr gemäßen Eigenschaften, aus Begeisterungsfähigkeit, Abenteurerlust, Romantik, Geltungsdrang mag sie zunächst bereitwillig die ihr gebotenen Möglichkeiten ergriffen haben. Hierfür aber kann sie keine Verantwortung treffen, weil sie nicht die geistesgeschichtliche Entwicklung Deutschlands und erst recht nicht sich für ihre Jugend zu verantworten hat!

In jedem Recht gibt es eine Geschäftsfähigkeit, die der junge Mensch erst in einem bestimmten Alter erhält, eine Deliktsfähigkeit, die ihn, wie zum Beispiel in Deutschland erst ab 18 Jahren, für schuldhaftes Handeln voll, von 7 bis 18 Jahren nur dann verantwortlich macht, wenn er die für die Erkenntnis der Verantwortung notwendige Einsicht besaß. Ja, es gibt sogar den Begriff einer „politischen Mündigkeit“ insofern, als die Wahlgesetze dem jungen Menschen erst von einem gewissen Alter an das Wahlrecht einräumen. Hierbei ging man ohne Zweifel von dem Gedanken aus, daß erst von diesem Alter an (in Deutschland: 20 Jahre) der Mensch politisch verantwortlich handeln kann.