K.W. Berlin, im April

Es gibt keine Barrikaden in Berlin und auch keine Grenzposten, die den Übergang von der einen in die andere Zone überwachen. In den ersten Monaten der Besatzung haben die Amerikaner respektable und die Engländer schlichtere Schilder an den Sektorengrenzen aufgepflanzt. Die Gewöhnung von neun Monaten eines gemeinsamen Auskommens auf diesem blutig zerfleischten Boden haben sie inzwischen alle unansehnlich gemacht. Und so wird der Neugierige an den Zonenübergängen am wenigsten von den spezifischen Merkmalen erfahren, die Form und Wesen der vier Besatzungmächte in Berlin abzeichnen.

Jedoch, sie sind natürlich da. Denn die Truppen, die hierher aus den heute mächtigsten Weltreichen gekommen sind, treten nicht als zufällige Vertreter ihrer Mächte auf. Sie wissen sich sichtlich als Beauftragte, Als Beauftragte nicht einfach den besiegten, geschlagenen Deutschen, sondern mehr noch den Abgesandten der „Allianzpartner gegenüber. Das gibt es ja sonst kaum noch in der Welt. Gewiß, in Kommissionen begegnen sich die Vertreter der großen Siegermächte fast ununterbrochen, aber als Volk, als Repräsentanz eines Querschnitts durch alle Schichten ihres gesellschaftlichen, Lebens hat sie der Berliner Boden zu einem sehr neuartigen und dynamischen Experiment gezwungen. Dieses Experiment hat seine sichtbare Belastung darin, daß hier nicht eine Zusammenkunft aus besonderem Anlaß vor sich geht, sondern ein gemeinsamer Alltag erprobt werden muß. Die politischen und ideologischen Theorien, mit denen der Osten und der Westen sich teils verstehend, teils kritisch gegenüberstehen, müssen hier eine gemeinsame Lebensform suchen.

Das geschieht freilich nicht so, daß sich die Soldaten der Besatzungsmächte nun im Wettbewerb um die eingängigere oder schmeichelhaftere Lebensform überbieten. Es geht überhaupt keine Tendenz durch die verantwortlichen Instanzen, etwa ein Forum für das gemeinsame Gespräch zu schaffen. Der in Berlin Wohnende, der dem inneren Kontakte der alliierten Gruppen nachspürt, gewahrt indessen nur am Kommunique der alle zehn Tage zusammentretenden Sitzung der Alliierten Kommandantur die Beschränkung der Zusammenarbeit auf die sachlichen Komplexe der Stadtverwaltung im großen. Wer sich vorgestellt hatte, hier würde vielleicht das nützliche Feuer einer geistig beredten Diskussion zwischen den Partnern ihn ständig im Zentrum der großen geistigen Probleme der Welt ansiedeln, bemerkt vorerst nur das korrekte und bemühte Nebeneinander von Verwaltungskörpern, die mit Anregungen aus der eigenen Sphäre freilich nicht sparsam sind.

So kommt es, daß sich die eigentlichen Markierungszeichen der Berliner Sektoren erst an ihrer Peripherie – dann aber freilich deutlich genug – abzeichnen. Selbstverständlich hat der schöne Stadtrand von Berlin diese nationale Dezentralisierung im gleichen Maße befördert wie der Umstand, daß die Innenstadt ein Trümmerhaufen ist. Immerhin, das bewirkt, daß die Zentren der einzelnen Verwaltungseinheiten fast alle wieder ein paar knappe Kilometer vor der Grenze liegen, die ringsum als russisches Gebiet die Mammutstadt umspült. Die Russen selbst haben in Karlshorst ihr Hauptquartier aufgeschlagen, und sie haben in dem knappen Jahr, seitdem sie die Stadt beherrschen, an derselben Stelle, wo Keitel die Unterschrift unte das Waffenstillstandspapier leistete, eine Stadt geschaffen, die mit den großen Kasernengebäuden der Stäbe und den kleinen Vorortvillen der Offizierswohnungen eindeutig das Zeichen der Roten Arme erhalten hat. In Karlshorst herrscht die etwas strenge, im Ganzen aber doch nicht abschließende Luft einer russischen Kommandostelle, die sichtlich dem militärisch-kriegerischen Zuschnitt ihres Daseins hohe Bedeutung beimißt. Hingegen ist in den übrigen Ostgebieten des sowjetischen Sektors die ursprünglich sehr massierte russische Einqiartierung laufend zurückgezogen worden.

Die Franzosen, die in Reinickendorf und im Wedding den Russen die Last der Besatzung abnehmen, sind freilich auf den Straßen kaum zu sehen. Dagegen haben sich ihre Stäbe in dem schoten, modernen Villenvorort des Nordens, in Frohnau, einen großen Teil der dortigen Häuser gesichert. – Die friedliche Stille Frohnaus, die selbst Bombenkatarakte gesehen haben, vermählt sich immer mehr mit der elegant unauffälligen Art, in der die Franzosen von ihren Besatzungspflichten Gebrauch machen.

An den französischen Bereich grenzt im Nordwesten der Stadt der britische. Er umschließt zwar mit dem Kurfürstendamm einen der lebendigsten und auch heute noch eine gewisse Elendsmondänität demonstrierenden Bezirk, aber außer den britischen Klubs, die vom Lehninerplatz bis herunter ans Café Wien manches noch verbliebene ehemalige Restaurant in Anspruch nehmen, prägt hier keineswegs eine englische Vordringlichkeit den Charakter dieses Stadtbildes. Wenn sich überhaupt die Alliierten außerhalb verabredeter Pflichtzusammenkünfte treffen, dann tun sie es wohl zwischen den Torsos des Kurfürstendammes. Das englische Reservat aber ist der Grunewald. In seinen alten geräumigen Villen reihen sich die Klubs und Messen aneinander, und durch seine noch immer gepflegten Straßen rauschen die Wagen der Navy, der Royal Air Force und der Army. Aber die noble Gediegenheit seiner aristokratischen Luft hat der Grunewald nicht verloren, sie eher noch sublimiert. Die Regierungsgeschäfte wickeln die Engländer im ehemaligen Deutschlandhaus am Reichskanzlerplatz ab, das nunmehr als einziges Gebäude wieder frisch überholt den britischen Anspruch mitten zwischen manchen Bombenspuren präsentiert.