Eine zeitgemäße Groteske

Esgibt gutes und schlechtes Essen, es gibt das üppige Mahl der Genießer und das karge Gericht der Asketen, es gibt das Armsündersüppchen. die Henkersmahlzeit, das Hochzeitsessen, das Lieblingsgericht, den Götterfraß. das Schlemmeressen, die Büßermahlzeit, und – es gibt die Grütze: jenes graue, blasenschlagende, sähe Etwas, das mit viel Wasser gekocht und wenig Salz gereicht auf den Tisch kommt.

Die Umstände haben es gewollt, daß sich eine große Gemeinde der Grütze-Esser gebildet hat, lauter unfreiwillige Asketen, die das dauernde Schleimschlucken so milde macht, daß das ewige Halleluja mit Schalmeien- und Flötengetön auszubrechen scheint. Aber gestern traf ich meinen Freund Egon, einen ruhigen und zu keinerlei Aus-Schweifung neigenden Menschen; sein flackerndes Auge und eine gewisse hektische Röte auf seinen hohlen Wangen erfüllten mich mit Sorge. „Was hast du?“ fragte ich. „Nichts“, antwortete er lakonisch, „es ist nur der Grützkoller. In unserer ganzen Verwandtschaft geht er um. Die Besten reißt er weg. Und weißt du denn nicht, daß Hugo gestorben ist?“

„Am Grützkoller?“ fragte ich entsetzt. Egon nickte traurig. „Er hat seine Wochenration auf einmal aufgegessen. Das bekam ihm nicht. Vorige Woche haben sie ihn begraben. Höre, was auf seinem Grabstein steht;

Hier ruht ein braver deutscher Mann.

der al nicht Grütze dann und wann,

o nein, er aß sie täglich