Auch die Versammlung der Außenminister in Paris macht keine Ausnahme von der durch Briand einmal ausgesprochenen diplomatischen Erfahrung, daß jede große Konferenz erst einmal ihre Krise durchmachen muß. Durch die Methode des Ausweichens konnte ein offener Ausbruch der Krise allerdings verhindert werden. Bezeichnend war der Vorschlag des amerikanischen Staatssekretärs Byrnes, sich zunächst einer Revision der Waffenstillstandsbedingungen an Stelle eines Friedens mit Italien zu begnügen. Damit würden die großen Fragen in der Schwebe bleiben, deren Lösung sich bisher nicht erreichen ließ.

Da war einmal Triest. Engländer, Amerikaner und Franzosen zeigten sich entschlossen, diese Hafenstadt, auf die Italien nicht verzichten zu können glaubt, den Italienern zu belassen. Die Sowjetunion dagegen vertrat mit Nachdruck die Forderungen ihrer jugoslawischen Bundesgenossen, und die Jugoslawen selbst verfehlten nicht, ihrer Forderung durch den Mund ihres Ministerpräsidenten Kardelj eine dramatische Note durch die dunkle Drohung zu geben, daß die jugoslawische Regierung „keine Verantwortung für Ereignisse auf sich nehmen könne“, mit deren Eintreten man rechnen müsse, wenn die Außenministerkonferenz die jugoslawischen Forderungen ablehne. Der britische Außenminister Bevin erklärte daraufhin: „Ich sehe keine Möglichkeit, wie wir der Übergabe von Triest an Jugoslawien zustimmen können.“

Wenn der nordamerikanische Staatssekretär Byrnes sodann den Vorschlag machte, in der umstrittenen Zone einen Volksentscheid durchzuführen, so dürfte er sich damit im eigentlichen Geiste der Satzung der UNO und der ganzen in der Atlantik-Charter seinerzeit umrissenen neuen Völkermoral ausgesprochen haben. Für die Errichtung eines wirklich dauerhaften Weltfriedens wäre es segensreich und würde die künftigen Spannungszentren vermindern, wenn der Grundsatz „Keine territoriale Veränderung ohne Befragung der betroffenen Bevölkerung“ zum tatsächlich allgemeingültigen würde. Eine Volksbefragung in Südtirol, wo die Österreicher selbst ein Plebiszit wünschen, wird allerdings auf der Pariser Konferenz nicht verhandelt.

Kaum geringer war die Gegensätzlichkeit der Auffassungen der Pariser Außenminister in der Frage der italienischen Reparationen. Die Sowjets forderten 175 Millionen Pfund Sterling. Wieder war es Byrnes, der darauf hinwies, daß Italien Reparationen in bar nur insoweit leisten könne, als dies für die italienische Wirtschaft tragbar sei. Andernfalls werde lediglich eine erhöhte Anleihegewährung durch die USA erforderlich, die dann also praktisch die italienischen Reparationen an die Sowjetunion und die Balkanstaaten zu zahlen hätten.

In der Kolonialfrage waren es die Engländer, denen der Vertreter der Sowjetunion vorwarf, der britische Plan laufe darauf hinaus, daß die Engländer die ehemaligen italienischen Kolonien für sich allein in Anspruch nehmen wollten. Diesem Vorwurf war einige Tage vorher eine sowjetische Erklärung vorausgegangen, daß die Sowjetunion nicht an eigner ausschließlich sowjetischen Treuhänderschaft über Tripolitanien festhalte. v. De.