Mitten während der aktuellen finanz- und produktionspolitischen Auseinandersetzungen in Großbritannien und den USA, an deren Vorbereitung und Führung Keynes ausschlaggebenden Anteil hatte, ist dieser größte britische Nationalökonom der Gegenwart, nach seiner Heimkehr von den Beratungen in Washington und in Savannah, im Alter von 63 Jahren gestorben. Damit hat die wirtschaftswissenschaftliche Welt ihren bedeutendsten, anregendsten Kopf, nach dem Heimgang von Werner Sombart und Gustav Cassel, verloren. Die internationale Wirtschafts- und Währungspolitik hat mit Keynes, der ja viel mehr als ein Professor der politischen Ökonomie an der Universität Cambridge, sondern vor allem ein dynamischer Kritiker überlebter und verfahrener Wirtschaftsmethoden und ein fruchtbarer Berater der Parteien und der Regierungen in England war, einen unersetzlichen Verlust erlitten. Man denke an die Verhandlungen von Bretton Woods, wo der vom britischen Interessenstandpunkt aus entwickelte, aber weltweit gedachte „Keynes-Plan“ 1945 monatelang mit dem amerikanischen „Morgenthau-Plan“ um den Sieg rang, und schließlich trotz der materiellen Trümpfe der USA doch die Sicherungsargumente der wirtschaftlich geschwächten Nationen in einer Kompromißregelung annehmbare Berücksichtigung fanden. Damals kam es auch zur Ernennung Keynes zum Gouverneur der Internationalen Bank für den Wiederaufbau.

Dank der eindringlichen Vorstellungen Keynes’, daß die weltwirtschaftliche Gesundung bei einer erdrückenden Verschuldung der Europa-Staaten, wie sie nach dem ersten Weltkrieg vielfach die Erholung lähmte, nur sehr langsam, und zum Schaden der USA, möglich sein würde, sind die 25 Milliarden Dollar Leih- und Pachtschulden Englands von den USA gestrichen und ist obendrein England positiv eine Kreditlinie von 4,4 Milliarden Dollar auf 50 Jahre mit nur 2 v. H. Zins, erst von 1951 an, eingeräumt und sogar (für Jahre schlechter britischer Handelsbilanz) ein völliger Zinsverzicht zugestanden worden. Mitten während der Verhandlungen des britischen Oberhauses über die Annahme dieser für die Wiederbelebung des Außenhandels Englands entscheidend wichtigen Anleiheaktion, hinter der Keynes aufopferndes Werben und Wirken stand, ist er nun zur ewigen Ruhe eingegangen. Doch der Segen seiner Tätigkeit wird sich in einer Vollbeschäftigung aller arbeitswilligen Kräfte seines Volkes noch lange auswirken.

„Vollbeschäftigung“ und billiges Kapital oder nach Keynes Theorie richtiger ausdrückt „niedrigster Zins“ sind die Symbole, die nicht, nur diese letzten großen wirtschaftspolitischen Taten Keynes’ kennzeichnen. Diese beiden Stichworte charakterisieren zugleich seine grundlegenden wissenschaftlichen Erneuerungsideen in der theoretischen Sozialökonomie. Denn die beiden Hauptwerke, die Keynes Namen mit einem hellen Glanz in der Wirtschaftslehre umgeben haben, sind betitelt: „Ein Traktat vom Gelde“ und „Die allgemeine Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes“. Allerdings war Keynes, der sich 1913 mit einer Arbeit über die indische Währung und Finanz die akademischen Sporen verdient hatte; in der wirtschaftspolitisch interessierten Welt längst schon kein Unbekannter mehr. Denn mit seinem aufsehenerregenden Buch über „Die wirtschaftlichen Folgewirkungen des Friedens“, das 1919 erschien, war Keynes an die Spitze der fachmännischen Kritiker der Unzulänglichkeiten und Irrtümer des Friedensvertrages gerückt. Keynes hat bereits damals die bedenklichen Folgen, die sich aus einer Fehlschätzung der Reparationsmöglichkeiten für den gesamten Kreislauf der Weltwirtschaft ergeben müssen, scharfsinnig und drastisch mit pointierter Stilistik dargetan und dadurch die Staatsmänner für die Notwendigkeiten einer künftigen Vertragsrevision empfänglich gemacht. In Deutschland wurde Keynes als ein geistiger Nothelfer gefeiert und mehrfach zu persönlichen Vorträgen, auch nach Hamburg, eingeladen. Bei uns hat, wenige Jahre später, Keynes nächste Schrift über „Das Ende des Laissez faire“ starken Beifall gefunden, weil hier ein führender Fachwissenschaftler des klassischen Landes des Wirtschaftsliberalismus den überlieferten privatkapitalistischen Prinzipien des ungeregelten Konkurrenzgetriebes mit scharfen Waffen zu Leibe rückte und die in Deutschland herrschenden Strömungen gerne in wirtschaftlicher Ordnung und staatlicher Kontrolle förderte.

Keynes Buch „Vom Gelde“ wurde Von englischen und deutschen Fachleuten als ein „denkwürdiges Ereignis in der Geschichte der Geldtheorie“ gerühmt und hat durch die Kühnheit mancher Thesen zu den Problemen der Geldschöpfung und der Geldwertschwankungen eine kaum zu überschauende neue kritische Literatur, gerade auch in Deutschland, hervorgerufen. Der orthodoxen Überschätzung der auf Gold gegründeten Geldwährung hat Keynes, nach den schlimmen Erfahrungen Englands mit seiner Rückkehr 1925 zum „vollwertigen“ Gold-Pfund, durch seine Argumente zugunsten einer elastisch manipulierenden Währungspolitik vollends den Garaus gemacht. England löste dann auch 1931 das Pfund Sterling wieder vom Gold.

In der schon genannten „Allgemeinen Theorie“ hat Keynes dann den Grundsatz proklamiert, daß man eine^Theorie vom Geld überhaupt nicht für sich, losgelöst von den übrigen Problemen der Volkswirtschaft, sondern zweckvoll nur im Gesamtzusammenhang mit der wirtschaftlichen und politischen Dynamik der Produktion, der Verteilung und des Verbrauchs darlegen könne. So entwickelt denn Keynes eine „allgemeine“ Theorie der Produktion als Fundament und Rahmen für die Beurteilung der Einzelprobleme, unter denen das Geld nur einen planmäßig beeinflußbaren Faktor bildet, der für den Beschäftigungsgrad zwar große (und spekulativ oft verstärkte) Bedeutung hat, aber doch für Unterbeschäftigung oder Vollbeschäftigung der Wirtschaft keineswegs allein den Ausschlag gibt. Denn „Unterbeschäftigung“ – also Arbeitslosigkeit – ist nach Keynes eine unumgängliche organische Schwäche des hergebrachten liberalen Wirtschaftssystems, das an einem relativ zu hohen Geldzinsfuß im Verhältnis zur „Grenzleistungsfähigkeit“ des Kapitals und an einer relativ zu geringen Güterverbrauchstendenz leidet. Die von der klassischen’ Volkswirtschaftsschule vielgerühmten „Selbstheilungskräfte“ der kapitalistischen Wirtschaft erweisen sich immer wieder als unzulänglich gegenüber diesem Krebsübel der Arbeitslosigkeit. Denn die bei guter Konjunktur wachsenden Einkommen steigern überwiegend die Ersparnisse in den reicheren Händen, die nicht genug davon als Kapital in die Produktion stecken, sondern sie aus „Liquiditätsvorliebe“ mehr bei den Banken und Börsen anlegen. Der Zins aber wird nach Keynes nicht wirksam durch das flüssige Kapitalangebot gesenkt, sondern durch die voraussichtliche Erträgniskraft des Kapitals, im Vergleich zu dessen Beschaffungskosten, bestimmt. Und diese Kraft ist nach Keynes im 20. Jahrhundert ständig im Sinken.

Aus solcher pessimistischen Schau der Zusammenhänge, wonach das hergebrachte freie marktwirtschaftliche Getriebe nur in günstigem Sonderfall einen harmonischen Gleichgewichtszustand mit Vollbeschäftigung erwirken kann, kommt Keynes zu einer grundsätzlichen Abkehr von diesem in den angelsächsischen Ländern noch gläubig der Selbststeuerung überlassenen Kapitalismus – hin zu einer staatlichen Lenkung der Einkommens- und Kapitalverteilung und -verwendung mit dem doppelten Ziel einer dauernden Zinsverbilligung, die das Produktionskapital quantitativ sowie auch in seiner Grenzleistungsfähigkeit fördern hilft und von einer Vermehrung des Volkseinkommens und einer stetigen Güterverbrauchssteigerung begleitet wird. Letztere sei durch eine gleichmäßigere Verteilung des Volksreichtums – auch durch Steuermaßnahmen – unschwer zu erreichen. Die wünschenswerte Erweiterung und Lenkung der Produktionsmittel aber erfordere eine umfassende „Verstaatlichung der Investition“, d. h. zusätzliche gemeinwirtschaftliche Aufträge und öffentliche Hilfseingriffe, die jedoch der privaten Initiative und Verantwortung immer ein weites Feld übriglassen, ja dem Einzelnen die erfolgreiche Ausübung eher erleichtern sollen.

Im Vorwort zur deutschen Ausgabe seines Werks hat Keynes die Erwartung ausgesprochen, daß er für diese wirtschaftspolitischen Konsequenzen seiner Theorie der Vollbeschäftigung bei den deutschen Lesern auf weniger Widerstand stoßen werde als bei den englischen, obgleich er die realen Daten und Erfahrungen für seine Lehren hauptsächlich aus den Verhältnissen in den angelsächsischen Ländern geschöpft hat. Aber während sich in Deutschland die staatliche Lenkung der Wirtschaft – allerdings unter dem Druck bitterster Materialknappheit – zu einer beängstigenden Überspannung des obrigkeitlichen Bevormundungswesens entwickelte, hat sich Britannien nur die positive Nutznießung der dynamischen Impulse von Keynes’ – allerdings in der Kriegswirtschaft elastisch variierten – Lehren und Vorausblicken zu eigen gemacht. Und nunmehr steht zu erwarten, daß England, aber auch die übrigen finanzwirtschaftlich und währungspolitisch noch ungesicherten Staaten Europas, von den Plänen Keynes für eine internationale staatliche Geldwirtschaftssteuerung und von der von ihm nachdrucksvoll vertretenen „manipulierten Weltwährung“ erheblichen Nutzen ziehen werden, d. h. von jenem supranational Bankmoney, dessen Zahlkraft an Hand der Großhandels-Indexe nach Möglichkeit stabilisiert und zum Ausgleich größerer Konjunkturschwankungen verwendet werden soll.