Bücher sind heute eine Kostbarkeit. Ist ihr Mangel zu beklagen? Ist er nachteilig für unsere künftige geistige Erziehung? Pädagogen und Schüler, Leser und Leserinnen stimmen in diese Klage ein. Von einem berühmten Mann erzählten sich seine Mitbürger, daß er als Knabe in seiner entlegenen ostpreußischen Vaterstadt in jedes Haus gestürzt sei, auf dessen Fensterbank er ein Buch erblickt hatte, denn in der Wohnung der Eltern gab es wenig Bücher: so erwarb sich Johann Gottfried Herder das Rüstzeug für seine Gelehrsamkeit. Und ein Schuhmachersohn aus Stendal bettelte sich von Haus zu Haus bis Hamburg durch, um bei einer Versteigerung einige griechische Klassiker zu erwerben; er verzichtete noch als Schulmann im Amt auf warmes Mittagessen, um die Taler zur Reise nach Leipzig und zum Ankauf der Neuerscheinungen auf der Buchmesse zu sparen; er entdeckte uns später Griechenland und hieß Winckelmann.

Wer seine Wohnung unbeschädigt gerettet hat, ist ein König unter den Bettlern; wer dazu noch eine Bibliothek erhalten hat, ist Caesar maximus unter den Potentaten der Erde. Ihn umschleicht die Schar der Freunde, lüstern nach seinen Schätzen.

Da lobe man den Leser, der mit dem Bleistift liest, nicht um den Autor mit dummen Bemerkungen zu bekritteln, sondern um die wichtigsten Sätze in ein Büchlein einzutragen. Auch dies ist keine neue Erfindung. Obengenannter Herder legte 1761 ein Notatenheft an, „Beyträge fürs Gedächtnis“ schrieb er darauf und das Motto: „Weise ist, der minder liest als denkt und minder schreibt als liest,“ Auch Lessing und Goethe haben mit solchen „Collectaneen“ ihre geistige Ernte eingebracht. Wie wäre es, wenn der heutige Leser es mit dieser Gepflogenheit versuchte? Ein kostbares Buch, das nach einmaligem Lesen der Leihbücherei zurückgegeben werden muß, bleibt sein Besitz in diesen Auszügen der schönsten Stellen. W. H.