Von Egon Vietta

Es gibt nur eine Methode, die Klassiker zu reiten: wenn wir sie ohne Umstände zu unserer eigenen Rettung gebrauchen, das heißt, neun wir von ihrer Eigenschaft als Klassiker absehen ... Ortega y Gasset: Um einen Goethe von innen bittend.

I

Als Thomas Manns „Lotte in Weimar“, diese monumentale Auseinandersetzung mit dem Genius Goethe, die er in der Emigration geschrieben und .1939 bei Bermann Fischer, dem Nachfolger S. Fischers, in Stockholm verlegt hat, in unsere Hände fiel, waren die Grenzen Deutschlands gegen Thomas Mann endgültig abgedichtet. Doch ging sie. heimlich weitergegeben, still von Hand zu Hand. Von Rom bis in die geheimsten geistigen Widerstandszirkel im Reich setzte sich das Gespräch über das seit Gundolfs „Goethe“ geschlossenste Sprachbild der Gesamtpersönlichkeit Goethes fort. Es ist der Goethe, der mit Thomas Mann in die Verbannung gegangen ist, der, von einem jüngeren Kontinent aus, auf Europa zurückschaut, der das Schicksal des späteren Leonardo da Vinci auf Sich genommen hat, aus dem angestammten Mutterboden in eine geistige Atmosphäre auszuwandern, die noch von den alten Werten belebt und erfüllt ist.

„Lotte in Weimar“ ist das Dokument einer Rückschau auf Europa und dort wiederum auf unsere deutsche Heimat. Es ist, wie sich an dem breiten Gemälde der deutschen Romantik zeigt, das in den Roman hineinkomponiert ist, eine Abrechnung mit dem politischen Schicksal der Deutschen. Aber hinter dieser Abrechnung steht ein Verzicht: der Verzicht auf ein Europa, dem seine bürgerliche Existenz fragwürdig geworden ist, die Übersiedlung in einen Kontinent, der den europäischen Zerfall der Werte nicht mitgemacht hat. Es ist ein echter Verzicht, der von Trauer und verstummendem Erschrecken unterfangen ist. Zugleich mit diesem Verzieht wird etwas Schmerzlich-Schönes in den anderen Kontinent mit hinübergenommen: das Bild von Weimar, das in unserer politischen Entwicklung nicht Schule gemacht hat. Aus der Perspektive des Abendlandes wirkt dieser Verzicht wie eine Flucht in die unangefochtene amerikanische Zivilisationsidylle, die keine Idylle ist. Wir besitzen in der klassischen lateinischen Literatur das säkulare Vorbild für diese Flucht in die Idylle, nämlich im Verzicht der Dichter Virgil und Horaz auf die lateinische Demokratie, in ihrem Rückzug in ein verborgenes Tuskulum. Das Weimar, das Thomas Mann als Ort der Handlung gewählt hat, war aristokratische Geborgenheit. Seltsamerweise haben nur wenige gesehen, daß schon die impressionistischen Malet wie Renoir, Sisley, Monet und Pissarro Idylliker waren.

II

Thomas Mann geht von einem höchst unscheinbaren Begebnis aus: Klara Kestner, die Tochter von Werthers Lotte, schreibt zum 25. September 1816 an ihren Bruder August: ,,Wir fuhren zum Mittagessen zu Goethe und wurden unten an der Treppe von dem Sohn empfangen, im Vorsaal kam er selbst uns entgegen, doch treuer dem Bilde, was ich durch Dich von ihm hatte, als dem, was uns der gute geheime Kammerrat Ridel gab.“