Von Richard Tüngel

Ein Jahr ist verstrichen, seitdem die deutsche Armee kapituliert hat. Ist dies nur ein Datum der Erinnerung, an das sich mancherlei Betrachtungen anknüpfen lassen, oder können wir aus dem, was in diesem Jahr geschehen ist, heute schon erkennen, ob sich ein ‚Weg abzeichnet, auf dem wir vorwärtsschreiten, ein Weg, der aus dem Chaos heraus und nicht tiefer hineinführt? Die Vergangenheit so zu betrachten, heißt den Blick nicht auf die Zeit der Naziherrschaft richten, der vor einem Jahr ein Ende gesetzt wurde, sondern eben auf dieses Freiheitsjahr Nummer eins, wie wir es analog-den Jahren der Französischen Revolution bezeichnen könnten. Nun ist es mit geschichtlichen Analogien, die sich billig darbieten, meist so, daß sie nicht stimmen. Dennoch sind wir geneigt, uns ihrer immer wieder zu bedienen, um einen Standpunkt zu gewinnen, von dem aus wir urteilen können.

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Analogien zu dem verflossenen Jahr sind leicht zu finden, wir brauchen uns nur des entsprechenden Zeitabschnitts zu erinnern, der auf den ersten Weltkrieg folgte. Nicht, daß es möglich wäre, die Ereignisse im einzelnen zu vergleichen, dazu sind die geschichtlichen Voraussetzungen zu verschieden, das Gewicht jedoch, das diese Jahre für die Entwicklung der deutschen Politik gehabt haben, läßt sich abschätzen, und daraus können wir Schlüsse ziehen, die auch für unsere Tage gelten. Da ist denn dieses festzustellen und besonders bedeutungsvoll: Nicht das Erlebnis des Krieges, nicht die Erinnerung an das Vorkriegsdeutschland sind für die Entwicklung ausschlaggebend gewesen, die die deutsche Republik genommen hat, sondern eben jene jahre der Nachkriegszeit: die bayrischen Unruhen, die Spartakistenzeit, Kapp-Putsch und Ruhrkampf, die Besetzung des Rheinlandes und die Inflation, die zur Vernichtung des bürgerlichen Wohlstands und zu einer schweren Erschütterung der allgemeinen Moral führte. Damals entstand jene Diskreditierung aller ethischen Begriffe, durch die der Abwehrwille der Mitte geschwächt und die Anziehungskraft der radikalen Strömungen gesteigert wurde.

Läßt sich heute Ähnliches erkennen? Dies zu bejahen, hieße zu weit gehen, denn von einer sichtbaren politischen Entwicklung kann noch keine Rede sein. Wohl aber darf man bei aller Vorsicht eines feststellen: Es wird heute bereits – ähnlich wie 1919 – das Gedenken an den Krieg und an die Vorkriegszeit zurückgedrängt durch den Anblick der schwierigen und oft trostlosen Umstände, unter denen sich das Leben in Deutschland augenblicklich abspielt. Was vor der Kapitulation liegt, ist – politisch gesehen – versunken und tot, wieder ist es die neue Zeit, um die alle Gedanken kreisen. Läßt sich nun aus den heute vorhandenen Verhältnissen und Strömungen bereits eine Tendenz für die zukünftige Entwicklung ablesen?

Zunächst: Die Revolution ist uns aus der Hand genommen. Nicht wir durften die neuen Männer einsetzen und die Schuldigen feststellen und bestrafen, sondern dies geschah vielmehr durch die Militärregierungen der Sieger. Dadurch entstand leider eine Denunziationssucht, deren Ausmaß nur daraus zu erklären ist, daß öffentliche Verfahren nicht bestehen und daß falsches Zeugnis geheim und straflos abgelegt werden kann. Von deutscher Seite besteht dazu noch die Klage, daß den individuellen Abweichungen vom Schema nicht genügend Rechnung getragen wird, daß überhaupt die richtenden Instanzen im Deutschland der Nazizeit zu wenig Bescheid wissen. Die Militärregierungen haben demgegenüber das Gefühl, daß in der Reinigung vom Nazitum noch lange nicht genug geschehen sei, so werden weitere Untersuchungen vorgenommen und neue Fragebogen in Umlauf gesetzt, um die Maschen des Netzes, in dem die Schuldigen sich fangen sollen, zu verengen. Das Denunziantentum wird einen weiteren Aufschwung nehmen, die anständigen Deutschen stehen apathisch daneben, denn wenn die Schuldigen ihrer Strafe zuzuführen denunzieren heißt, so mögen sie sich dazu nicht hergeben.

Der Schwarze Markt ist eine ständige und wuchernde Einrichtung geworden. Ihn abzuschaffen, ist bisher unmöglich gewesen, da die deutsche Polizei die Quellen nicht verstopfen kann, die ihn speisen. Für diejenigen, die auf ihm kaufen oder verkaufen, gibt es eine Währung, die an einen Sachwertstandard gebunden ist, der sich in Zigaretten- oder Kaffeepreisen ausdrückt. Die sehr hohen umgesetzten Beträge werden der Steuer entzogen. Diejenigen Deutschen, die ehrlich ihr Geld verdienen, müssen dagegen Steuern zahlen, die so – ungewöhnlich hoch sind, daß der Anreiz zu Mehrarbeit und die Unternehmungslust leicht erstickt werden. Der aktive Teil der Bevölkerung verfällt dadurch um so eher der Verführung des Schwarzhandels. Daß die dabei umgesetzten Waren Diebesgut sind oder aus Unterschlagungen und Hinterziehungen stammen, vermehrt noch die Gefahr, die vom Schwarzen Markt her der allgemeinen Moral droht.