Von Marion Gräfin Dönhoff

In diesem Lande, in dem Sorgen und Freuden nach Kalorienverlust und -erhalt gemessen werden. ist das Frühjahr mit seiner wärmenden Sonne und den sprießenden Vitaminen so sehnsüchtig erwartet und freudig begrüßt worden wie nie zuvor. Nicht nur für die Menschen gilt das, sondern auch für Vieh und Pferde, die gleichermaßen an dem hungerreichen Wiederaufbau beteiligt sind.

Vor allem die Flüchtlingspferde könnten ein Lied davon singen, wenn sie nicht verhältnismäßig stumm geboren worden wären. Ihre Rationen liegen genau wie die unseren weit unter dem Niveau der Erhaltungsnorm. Immer magerer sind sie geworden, das Haar immer stumpfer und die Augen müde und freudlos. Gramgebeugt hängen die schweren Köpfe wie welke Früchte an einem trockenen Baum, wenn sie in dem fremden Stall vor sich hindämmern, und in dumpfem Traum das Erinnern an die Weite der östlichen Weidegründe durch ihre Gemüter zieht.

Jetzt haben sich auch für sie die Tore geöffnet zu einem schöneren Leben. Es gibt wieder frisches grünes Gras mit ein wenig Klee dazwischen, das so fett und nahrhaft ist wie zu keiner andern Zeit des Jahres; es gibt wieder Sonne, Wind und Wolken, die über einen großen Himmel ziehen, der die vielen Monate eines dunklen Stalldaseins bald vergessen läßt. Sie können das Wasser wieder, wann immer sie Lust haben, aus dem Bach schöpfen, und sie sind nicht genötigt, es zu irgendwelchen dummen menschlichen Mahlzeiten aus einem Eimer zu trinken, der immer nach irgendwelchen scheußlichen Dingen riecht.

Jetzt heben sie wieder die Köpfe und spitzen prüfend die Ohren, wenn ein menschlicher Fuß ihre Weidegründe betritt, denn die Beziehungen zwischen der Krone der Schöpfung und seiner Komplementärgröße aus dem Tierreich sind nicht ganz geklärt und durchaus zweigleisiger Natur. Die Verbindung mit 4em Pferd, vom Menschen so heiß ersehnt, wird von diesem soweit es irgend in seinem eigenen Ermessen steht, ängstlich vermieden. Das Pferd ist, abgesehen davon, daß es im allgemeinen dumm ist, von Natur ängstlich – ein Tatbestand, über den nur die Fähigkeit des Menschen, gewisse Dinge zu romantisieren und zu idealisieren, hinwegtäuscht; und wenn es einmal eine Ausnahme gibt, dann sagt der Besitzer voller Stolz: „Sie hat viel Herz“ oder „Es hat viel Nerv.“

Welche Enttäuschung für den Reiter, wenn das bewunderte Objekt seiner Liebe, der Gefährte seiner Freiheits- und Herrengefühle, sein guter Kamerad, an einem schönen Morgen bestiegen und durch das blühende Land getrabt, von der ersten Wegkreuzung an keinen andern Wunsch mehr zu erkennen gibt, als auf kürzestem Wege wieder heimzugelangen. Selbst die luft- und himmellose Box in einem langweiligen Stall erscheint ihm erstrebenswerter als der Galopp durch das freie Land mit der Krone der Schöpfung im Sattel.

Der Mensch hingegen erwacht auf seinem Rücken erst zu einem wahrhaft gehobenen Lebensgefühl. Es ist dies wohl eine der wenigen atavistischen Regungen, die – wie wir neulich hier an dieser Stelle erfahren haben – von Adams Zeiten herstammt und sich als eines der wenigen Urgefühle des Menschen bis in die Tage unserer kommerzialisierten, verstädterten Welt erhalten hat. Man kann einem Mann, der je etwas mit Pferden zu tun gehabt hat, wohl vorwerfen, er sei ein ehrloser Schurke, aber man darf ihm beileibe nicht zu verstehen geben, daß er schlecht reite oder-gar von Pferden nichts verstünde, denn das würde seine heiligsten, innersten Gefühle verletzen.

So gehen die Empfindungen und Gedanken von Generationen von Pferden und Menschen seit Jahrtausenden aneinander vorbei und sind wohl gerade darum auf so besondere Weise miteinander verwoben, vielleicht, weil ernstlich dauerhaft und, was diese Zeitlichkeit anbetrifft, wirklich ewig nur die Liebe und die Sehnsucht währt, die unrealisierbar ist.