Täglich geht durch die Büroräume des Hamburger Zentralkomitees ehemaliger politischer Häftlinge ein nicht abreißender Strom von Besuchern: Versprengte, entwurzelte Menschen aller sozialen Klassen, heimatlose Flüchtlinge, die aus allen deutschen Provinzen nach einem oft jahrelang vegetierenden Siechtum in den Konzentrationslagern nun wieder in ein normales Leben eingereiht werden wollen. 52 000 ehemalige Häftlinge sind von dem Komitee in der Zeit von Mai bis August 1945 betreut worden – ein unvorstellbarer Berg von Fragen, Sorgen und Problemen, die da zu bewältigen waren: Arbeitsvermittlung, Einkleidung, Wohnungsbeschaffung, Fürsorge für die Hinterbliebenen, juristische Beratung und andere Dinge mehr. Ein vorzüglich organisiertes Karteiwesen, das bereits 200 000 Namen umfaßt, gibt den vielen Familien, die noch immer ihre Angehörigen suchen oder noch immer keine Gewißheit über das Schicksal ihrer Verwandten haben, die Möglichkeit, hier Informationen einzuholen oder wenigstens die Spur der Vermißten aufnehmen zu können. Im Zusammenhang mit diesem Informationsdienst sei auch erwähnt, wie wichtig der internationale Zusammenhalt der einzelnen Gruppen und Komitees über die Grenzen der Länder hinweg ist. Diese Hilfskomitees sind nicht erst als eine Form der Selbsthilfe nach Zusammenbruch des Systems und der Öffnung der Konzentrationslager entstanden, sondern aus dem Lagerleben selbst erwachsen, wo sie sich als Antifa-Gruppen, den verschiedenen Nationalitäten entsprechend, organisiert hatten.

Es werden ferner von dem Hamburger Zentralkomitee drei Kinderheime – zwei davon in Wyk auf Föhr – unterhalten, die denjenigen Kindern, die in der KZ-Gefangenschaft eine nachhaltige Störung ihres seelischen Gleichgewichts erlitten haben, eine Heimat bieten und sie allmählich wieder in das soziale Gefüge einzuordnen trachten. Die Mittel für all diese Maßnahmen stammen fast ausschließlich aus privaten Spenden und Sammlungen, und die Organisation als solche wird weitgehend dadurch ermöglicht, daß die meisten in ihr Arbeitenden dies ehrenamtlich und ohne Entgelt tun. Die Tatsache, daß hier nicht gegen Geld, sondern um der Sache, um des Helfens willen gearbeitet wird, ist übrigens in der Atmosphäre des Hauses sehr stark spürsam – es müssen ja auch besondere Menschen sein, die nach jahrelangem Zuchthausdasein die endlich wiedererlangte Freiheit in den Dienst eines Hilfswerks für unbekannte Kameraden stellen und nicht erst einmal darangehen, sich ihr eigenes Leben zu zimmern. Denn wer würde nicht einsehen, daß ihnen vor allen anderen die Möglich- = keit gegeben werden müßte, die vielen versäumten

und durchlittenen Jahre durch den baldigen fundierten Beginn eines neuen Aufbaus endgültig zu überwinden.

Es handelt sich nach der Auffassung des Komitees nicht darum, Sonderwünsche für eine bestimmte Kategorie von Menschen durchzusetzen, sondern darum, eben diese Menschen sinnvoll in die neue deutsche Demokratie einzubauen. Diese Auffassung bildet einen erfreulichen Kontrast zu dem Bild, daß leider nur allzu viele Menschen heute vom „Konzentrationär“ haben und das nicht bestimmt ist durch den wegen seiner aufrechten Gesinnung und Standhaftigkeit Verurteilten, sondern durch Opportunisten, die vielleicht ein Zufall zum Häftling gemacht hat und die nun mit großen Forderungen und Redensarten den echten politischen Häftling in Mißkredit bringen.