Auch sie waren nicht arisch

Der alte Mann mit der gedrungenen Gestalt und dem weißen Spitzbart, mit der Adlernase und dem an die Ferne verlorenen Blick ist nicht etwa der Kapitän eines Elbkahns. Die biedere Hoheit seiner Gesten kommt vielmehr aus einem anderen Primat der Fahrenden. Er ist das Oberhaupt einer Zigeunerfamilie, und da der Besucher sich ihm nähert, legt er die Peitschenschnur, an der er herumgeflickt hat, feierlich beiseite. Und jetzt bemerkt der Gast, daß nachtschwarze Augen in einem verwitterten Greisengesicht glühen, dem stahlblaue Seemannsaugen besser anstehen würden. Der alte Zigeuner erhebt sich würdevoll von dem Holztreppchen des Wohnwagens, dessen verblichenes Grün seltsam kontrastiert zum frischen Grün des Buschwerks ringsum. Und mit einer Grandezza sondergleichen legt er grüßend eine feingliedrige, wenn auch erstaunlich schmutzige Hand an einen uralten, wahrhaft ramponierten Hut, den er indessen erstaunlich keck auf den Schädel mit dem vollen, schneeweißen Haar gesetzt hat. So huldvoll-feierlich müssen Indianer in klassischer Karl-May-Zeit. gelächelt haben, wenn Besucher vom Range eines Old Shatterhand sich dem Stammeslager näherten. Das ist Heinrich Franz, ein Angehöriger jenes Wandervolkes, das unser gutes, altes Meyer-Lexikon mit Recht „rätselhaft“ nennt.

Weithin in der Umgegend sieht man Laubenbesitzer in kleinen Gärtchen werken, die sie sich aus trockenem, unfruchtbarem Boden geschaffen haben. Aber die Erde um das Zigeunerlager ist nach wie vor Unkrautland. „Einen Garten anlegen?“, fragt der Zigeuner, nachdem er den Besucher auf all den – Siedlerfleiß aufmerksam gemacht hat, „einen. Garten

anlegen? Lieber freß’ ich die Brennessel so ...“ Er hat das verbindliche Lächeln und die spöttischen Lippen eines alten Aristokraten, der sich das Air eines derben Landknechts gibt. Er ist auch nicht überrascht, einen Besucher auf diesem Platz zwischen grünem Gebüsch zu haben, der fast ein Versteck ist. Nein, nein, seine Späher haben ihm längst geneidet, daß ein Fremder im Anmarsch sei, ehe sie ich scheu zwischen Wagen, Windeln und wehender Wäsche verkrochen. Und nun, da an den friedlichen Absichten des Fremden kein Zweifel mehr herrscht, kriechen sie hervor: zwei Bürschlein von drei und vier Jahren, halb nackt, mit kohlrabenschwarzen .ocken und die Daumen im Mund, ein achtjähriges Mädchen und ein sechzehnjähriger Zigeunerbackfisch mit rotgeschminkten Lippen. Diese alle bleiben respektvoll im Hintergrund, begierig und aufmerksam, als könnten sie von den Gesten auf den Inhalt des Gespräches schließen. Zwei zehn- und elfjährige Mädchen sind schon zutraulicher und haben sich auf wenige Schritte herangewagt, und ein dreizehnjähriger Junge, mit dem echten, romantischen Zigeunerblick ist an die die Seite des Alten getreten und wiegt eine Schleuder in den energischen Bubenhänden. Aus dem Wohnwagen lugt eine etwa vierzigjährige Frau, deren Gesicht zerstört zu sein scheint von frühem Alter und geheimen Leiden. „Dies ist alles, was von meiner Familie übriggeblieben ist“, erläutert der alte Zigeuner, der seine vierundachtzig Jahre mit großer Unerschütterlichkeit trägt „Doch daß ich nicht lüge! Es sind noch zwei Männer da. Sie sind in Geschäften über Land

Nun, man kennt die Geschäfte der Zigeuner. Und wenn man nach dem Aussehen des Greises und nach der Wohlgenährtheit seiner Nachkommenschaft schließen darf, ist die Zeit augenblicklich nicht gerade ungünstig für Zigeuner.

Es ist schwer zu Sagen, in welch verwandtschaftlichem Verhältnis sie alle zueinander stehen. Trotz ehrlichem Bemühen weiß der Alte nicht genau zu sagen, welches die Schwester-, welches die Vetterkinder sind. Von den beiden Nackedeis „muß einer .Urgroßvater’ sagen“, aber welcher, steht nicht zuverlässig fest. Sie sagen alle „Opa“, und das genügt. „Sie sagen alle ‚Opa‘; alle Zigeuner, die ich kenne, sagen ‚Opa‘ zu mir.“ – „Haben Sie Verbindung mit vielen Zigeunern?“ – „Nein, das war früher! Die meisten Zigeuner, die ich kannte, sind tot. Vergast, verbrannt, verloren.“ Er stockt und steht in gedankenvollem Schweigen. Entblößt das Haupt mit feierlichem Gesicht und – zieht eine Zigarette aus der Hutkrempe, lächelt plötzlich irdisch-schlau und-sagt: „Das blonde Gold!“, legt sodann Befehlston in seine Stimme und spricht ein Wort in seiner Sprache, worauf in der Fensterluke des Wohnwagens eine schwindsüchtig-magere Frauenhand erscheint, um etwas Blitzendes, Funkelndes herabzureichen: ein Brennglas. Zwei Sekunden später qualmt die Zigarette. Das geht mit solcher Selbstverständlichkeit vor sich, als hätten es die Menschen niemals nötig gehabt, Streichhölzer zu erfinden. Ach ja, es ist halt ein wolkenlos heiterer Frühlingstag, an dem die Sonne die Faulen und Fleißigen, die Fahrenden und Seßhaften segnet und sogar dem alten Zigeuner gefällig ist, der, eine Zigarette paffend, um seine töten Angehörigen trauert. „Vergast, verbrannt, verloren...“