Von W. F. Maschner

Was ihm an ihr gefiel, das war das spezifisch Wienerische, das Frische, Gesunde, diese bezaubernde Liebenswürdigkeit, die lächelnde Sentimentalität, diese Gemütlichkeit – um den unübersetzbaren Lokalausdruck zu gebrauchen; aber auch der ‚gute Ton‘, die gepflegte Umgangsart, die gerade die Wiener Durchschnittsfrauen – wie ihre Pariser Schwestern – den ‚großen Damen’ ähnlich machen, so wie die Wiener Semmeln dem Pariser Brioche ähnlich sind.“ So schildert der ehemalige französische Gesandte am Wiener Kaiserhof, A. de Saint-Aulaire, in einem soeben (bei Arthème Fayard in Paris) veröffentlichten Essay Katharina Schratts Wirkung auf Franz Josef I. Die „Kathi“, Liebling der glückseligen Kaiserstadt vor dem ersten Weltkrieg, ist vor sechs Jahren, im April 1940, gestorben, und man hat ihr gerade in diesen Tagen Blumensträuße auf das Wiener Ehrengrab gelegt, gerade in diesen Tagen, da man in ganz Europa die Stellung der Frau im öffentlichen Leben revidiert, da man der Kameradin und Braut, der Gattin und Mutter, der Arbeiterin und der geistig Tätigen Platz, macht für neue Entfaltung. Frauen haben ihre Stimme im höchsten Rat der Nationen, Frauen sitzen auf Ministersesseln, Frauen haben die Parlamente – und Vorparlamente – betreten. Die Europäerin ist im Kommen, und man hat die Frage „Sind Frauen bessere Diplomaten?“ in der letzten Zeit ohne Sarkasmus stellen hören.

Katharina Schratt war Diplomatin – nicht nur „diplomatisch“, wie man es jeder Frau nachsagt. „Ihre Ratschläge waren besser als jene der meisten Minister und vollkommen uneigennützig“, schreibt Saint-Aulaire und beeilt sich, den Unterschied zwischen der kleinen Wiener Burgschauspielerin und der großen Madame de Pompadour herauszuarbeiten: „Sie machte es sich zur Regel, den Kaiser nie mit Empfehlungen zu belästigen.“ Dieses Mädel aus der Wiener Mittelschicht betrieb seine Politik nicht im Ballsaal hinter dem koketten Fächer, sondern in der Küche, und man sagte ihr nach, daß sie den Besitzer der ältesten europäischen Krone „mit Krenwürsteln“ erobert hätte. Der (Schlagobers-)Kaffee und der Gugelhupf, die sie ihrem kaiserlichen Freund servierte, hatten einen ebenso untadeligen Ruf wie sie selbst. Die Methode war also originell. Und das Ergebnis mußte revolutionär sein: Niemals fiel das Wort von einer „zweiten Kaiserin“, aber jeder nannte den Kaiser „Herr Schratt“. Wenn alte Wiener sich an die Kathi zurückerinnern, sprechen sie von einem guten Herzen und nicht von weiblicher Intrige. „Sie war die populärste Frau in Österreich!“ hört man da, und der Ton ist voll Hochachtung.

Eine Mätressenkarriere konnte diesen Erfolg nicht begründen – die Dinge zwischen Katharina Schratt und Franz Joseph I. mußten anders liegen. Als die junge Schauspielerin einst im Audienzsaal des Kaisers erschien, um sich über ihre kleinen Burgtheaterrollen zu beklagen, da dachte sie noch lange nicht daran, dem „letzten Kavalier von Europa“ einmal Würstel zu kochen. Sie ließ vor Aufregung ihre Bittschrift fallen, die der Kaiser galant aufhob. Die achtundzwanzigjährige Wienerin, die da vor dem dreißig Jahre älteren Souverän den vorgeschriebenen Knicks machte, war nicht besonders hübsch. „Franz Joseph“, schreibt Saint-Aulaire, „hätte seine Wahl aus dem Gotha oder unter den sehr schönen Frauen der jüdischen Aristokratie Wiens treffen können.“ Er suchte aber gerade das, was ihm bisher versagt geblieben war: das Echte und Unzeremonielle, das Anspruchlose und Unhöfische. Der „mächtigste Herrscher seiner Zeit“, wie ihn der Pariser Diplomat nennt, hatte nur eine Sehnsucht: ein kleiner Bürger zu sein. Alles Verruchte und Zweideutige, alles in solcher Kulisse Übliche schied also aus. Es blieb eine Sehnsucht und ihre Erfüllung.

Und was sagte die Kaiserin dazu? Saint-Aulaire gibt ihr in seiner Betrachtung selbst das Wort. Elisabeth von Österreich, die unstete, überirdisch schöne Frau, bat Kathi bald nach deren erster Begegnung mit Franz Joseph zu sich und sagte fast zärtlich: „Sie müssen mir eine große Freude machen. Der Kaiser ist sehr allein – ich bin eine so unbequeme Gattin. Sie sind jung und heiter. Sir wären die richtige Frau, um das Leben des Kaisers zu verschönern.“ Diese Aussprache ist von manchem Historiker bestritten worden – das Leben selbst aber hat sie bestätigt. In Ischl wandte man sich sehr oft nach einem einfachen Fiaker um, in dem der Kaiser mit seinen „beiden Frauen“ spazierenfuhr: Elisabeth neben Katharina Schratt im Fond des Wagens, der Kavalier auf der unbequemen Sitzbank gegenüber. Saint-Aulaire nennt diese Situation einen „Haushalt zu dritt“, und jeder ältere Wiener kann sie bestätigen. Als am 30. Januar 1889 in Wien die Nachricht vom tragischen Tod des Erzherzogs Rudolph eintraf, bat die Kaiserin nicht eine Dame der Hocharistokratie, sondern Katharina Schratt zu sich. Elisabeth ist von Kathi nie verdrängt worden – im Gegenteil: die Kaiserin und die Bürgerliche ergänzten einander. In diesem Kleeblatt ist wahrscheinlich die falsch gespielt worden. Der Freundin gehörte die Freundschaft, der Gattin die Liebe.

In einer Dorfkirche am Ufer des Bodensees bewundern die Besucher seit Jahrzehnten die Freskendarstellung der fünf Erdteile. Die Gestalt der Europa trägt die Gesichtszüge der Wienerin Maria Theresia. Es ist ein gütiges, mütterliches Europa, das hier symbolisiert werden sollte. Gut und mütterlich – das waren auch die Wesenszüge der Wienerin Katharina Schratt. Mögen heute in Europa wieder Frauen am Werk sein wie diese beiden!