Von H. W. Behm

Es ist ein sinnfälliges Zeichen der Zeit, sie jetzt im Frühling alle schaufeln und hacken zu sehen, darunter viele, die noch niemals ernstlich im Leben einen Spaten bewegten. Der Boden ist von der Nährstoffseite her betrachtet heute populärer denn je geworden. Selbst der Neuling ist alsbald gewitzigt genug, um zu wissen, daß es „magere“ und „fette“, „schlechte“ und „gute“ Böden gibt, wobei er beim guten mit Recht an die braunschwarze Lockermasse, den Humus oder die Mullerde schlechthin denkt. Jedenfalls zeigt Humus am vollendetsten das Wesenhafte eines für die Pflanzenernährung optimalen Bodens an.

Noch jedem Boden und damit auch dem Humus liegt anfänglich harter Fels zugrunde, den Mächte der Verwitterung, wie Regen oder Schnee, Frost oder Hitze, Nebel oder Tau im Bunde mit felszerstörenden Flechten und Bakterien zerbröckeln ließen. War dann erst etwas krümelige Lockersubstanz unter Beifügung von organischen Abfallstoffen entstanden, war damit zugleich die Entwicklung zum Humus angebahnt.

Was immer vom tätigen Leben als erledigt gilt und als Kadaver oder Abfall in den Boden gelangt, besteht zumeist aus kompliziert aufgebauten Verbindungen organischer Natur. Sie alle werden in der Bodenwerkstatt jetzt wieder „abgebaut“, das heißt in einfache Verbindungen, möge es sich um Wasser, Kohlensäure oder Ammoniak handeln, zurückgewandelt. Eine Aufgabe ist gestellt, die nicht leicht für diejenigen zu lösen ist, die hier als Zerlegungs- und Trennungskünstler tätig sind.

Eine Schar von Würmern und Kleininsekten leistet erst grobe Vorarbeit, skelettiert und zerfasert abgestorbenes Pflanzengewebe und bereitet es für eine weitere Zersetzung im Boden vor. Im feuchten Moder kriecht in den Spalten des Bodens allerlei lichtscheues Getier umher: Saftkugler und Asseln, Springschwänze und Hornmilben, Drahtwürmer als Larven von Schnellkäfern, Kleinschnecken und Erdspinnen. Sie alle tragen dazu bei, daß Bodenmassen durchknetet, durchsiebt und in krümeliger Form zurückbleiben. Der Meister dieser Durchsiebung ist der Regenwurm. Mit seinen wulstigen Lippen stopf er Erdbrocken um Erdbrocken in sich hinein, würgt sie hinunter, wandelt sie um. Bis zu fünfundzwanzig Tonnen Boden pro Jahr und Hektar vermögen Regenwürmer dort zu verarbeiten, wo der ihnen feindliche Maulwurf fehlt. Der Biologe erklärt deshalb, daß der Regenwurm das wichtigste Tier der Erde im Sinne des Menschenhaushalts sei.

Wo der Fuß immer den Boden berührt, hämmert darunter der Pulsschlag des Lebens. Zwar mit der Zentnerlast seines Körpers schreitet der Mensch achtlos über feinste Mirakel lebendigen Seins dahin. Durchmustert er aber eine Handvoll Erde unter hinreichender Vergrößerung, so sieht er alle Lücken zwischen Quarz- und Feldspatsplittern, kalkigen und tonigen Substanzen mit regem Kleinleben erfüllt. Es drängelt, schiebt und bewegt sich, flimmert und verfließt, dreht sich und leuchtet farbenfroh. Zwischen silbrig gleißenden Pilzfädchen, abenteuerlich gestalteten Räder- und Glockentierchen blinken wundervoll rhythmisch geformte Hartteile zierlicher Algen auf. Pünktchengroße Wechseltierchen erweisen ihrem Namen alle Ehre. Bald zieht sich ihr schleimiges Körpergebilde kuglig zusammen, bald strebt es auseinander, umfließt mit einem tastenden Ausläufer einen Algenfaden und verleibt sich diesen als Nahrungsbrocken ein. Alles hilft am ständigen Abbau organischer Substanzen mit. Etwa anderthalbhundert Millionen derartiger Kleinorganismen leben zuweilen bei mäßiger Tiefe in einem einzigen Morgen Boden. Von den allerkleinsten, den Wechsel-, Geißel- und Wimpertierchen konnte die schwankende Zahl von ein- bis hunderttausend in einem Gramm Erde nachgewiesen werden!

Den Bakterien bleibt es dann übrig, schon einigermaßen mürbe und brüchig gewordenes Zerfallsmaterial erst in seine Urbestandteile aufzulösen. Besondere Gruppen unter ihnen legen beträchtliche Mengen Stickstoff frei und schaffen jene Stickstoffverbindungen, die die Pflanzen, zum Teil unter Einschaltung von Kleinpilzen als Zwischenträger, mit der Wurzel zu sich nehmen. Schließlich vermögen bestimmte Bakteriensippen nebst einigen Strahlenpilzen den Stickstoff aus der Luft zu binden, dem Boden anzureichern oder ihren Wirtspflanzen auf dem Wege der Wurzelknöllchenbildung geradeswegs nutzbar zu machen. Schon lange ist ja bekannt, daß derartige Knöllchen besonders den Schmetterlingsblütlern, als da sind Lupine, Erbse, Bohne, Klee oder Serradella, zu eigen sind. Diese Erkenntnis hat sich der Mensch derart zunutze gemacht, daß er solche Schmetterlingsblütler dem Boden unterpflügt, und der dadurch angereicherte Stickstoff andern Feldfrüchten zugute kommt. Genügend viel stickstoffbindende Bakterien erhöhen im allgemeinen die Fruchtbarkeit des Bodens, vermögen sich aber offenbar selbst nur kräftig zu entwickeln, wenn zugleich auch Spurteilchen seltener Elemente wie Molybdän, auch Vanadin und Wolfram, zugegen sind.