Der alliierte Plan, der die deutsche Wirtschaft für die Zukunft festlegen soll, geht vom durchschnittlichen Lebensstand der Länder Europas (mit Ausnahme Englands und der Sowjetunion) aus. Alle jene Industrien sollen. in Deutschland ausgeschaltet werden, die nicht unbedingt notwendig sind, um diesen Lebensstand zu gewährleisten.

Läßt sich ein derartiger durchschnittlicher Lebensstand berechnen? Enthält dieser Begriff nicht so mannigfache Elemente, daß-seine Begrenzung und Festlegung nicht nur in der Praxis, sondern schon in der Theorie auf unübersteigbare Schwierigkeiten stoßen muß?

Hat der Fischer an der französischen Biskaya, der auf sturmgepeitschtem Meer im kleinen, aber eigenen Boot hinausfährt, um sein tägliches Brot zu erwerben, einen höheren oder niedrigeren Lebensstand als der Sizilianer, der nur wenige Tage im Apfelsinengarten arbeitet und sich von der Sonne bescheinen läßt? Ist der Mann Südfrankreichs, der am Nachmittag hinausgeht an den Fluß, um dort in Ruhe einige Stunden zu angeln, mit dem Arbeitslosen einer Industriestadt zu vergleichen, der stundenlang vor dem Arbeitsamt umhersteht in der vergeblichen Hoffnung, Arbeit zu erhalten? Ist der Schlafbursche einer Elendswohnung in einer modernen – gar nicht einmal zerbombten – Großstadt mit dem Schäfer zu vergleichen, der im Balkan in den Bergen wohnt, ebenfalls in kleiner Hütte, aber umgeben von der heimatlichen Natur?

Der Lebensstand setzt sich aus zahllosen Einzelerscheinungen zusammen, aber selbst ihre Gesamtheit kann kein erschöpfendes Licht auf sein Wesen werfen, denn sie bleiben im Wirtschaftlichen haften. Der Lebensstand ist überhaupt keine wirtschaftliche, sondern eine kulturelle Erscheinung. In Jahrhunderten ist: er gewachsen, ja in Jahrtausenden, und er wuchs nicht so sehr aus wirtschaftlichen Bedingungen heraus, sondern aus geistigen. Der Lebensstand ist eine Erziehungsfrage.

Rund anderthalb Jahrhunderte bemüht sich nun der Hochkapitalismus, die Menschen zu seinen Idealen zu erziehen, ihnen beizubringen, daß sie verbrauchen und immer wieder verbrauchen müssen, daß es zum Wesen eines „zivilisierten“ Menschen gehöre, „anständig“ zu wohnen, sich „anständig“ zu kleiden, für kulturelle Dinge, Bücher, Theater, Musik und anderes mehr nicht nur Geld auszugeben – das wäre leicht und einfach –, sondern zu arbeiten und zu verdienen.

Die Philosophen haben diese Lehren nicht mitgemacht, ja sie vielfach als ungeistig, materialistisch, frevlerisch abgelehnt. Selbst ein bedeutender Wirtschaftsführer wie Walter Rathenau sprach sich gegen den unnützen Tand aus, der in Warenhäusern dem Publikum förmlich aufgedrängt würde.

Der Kapitalismus brachte eine Revolutionierung, nicht so sehr der äußeren Möglichkeiten, sondern der Anforderungen; die der einzelne an das Leben stellte. Diese Anforderungen wurden Richtschnur für jede Arbeit, die jeder zu erfüllen suchte, um nicht abzusinken. Vom philosophischen Standpunkt aus gesehen mag es unsinnig sein, daß ein Mann von morgens früh bis abends spät arbeitet, nur damit er in einer großen Wohnung wohnt, damit er einen Rundfunkempfänger besitzt oder seine Frau seidene Strümpfe tragen, kann. Aber der Philosoph, der so denkt, sieht den Menschen nicht als Ganzes.