Der Lord-Mayor und die Lady Maioress von Manchester – wir würden sagen, Oberbürgermeister und Frau – sollen demnächst nach Kanada reisen. Der „Town clerk“ (der dem neu in Deutschland eingeführten „Oberstadtdirektor“ entspricht) sowie der Sekretär und der persönliche Referent des Lord-Mayors werden ihn begleiten. Das Stadtparlament ist darum ersucht worden, der Reise zuzustimmen. Ihr Anlaß liegt in der Verleihung des Ehrenbürgerrechts an Feldmarschall Alexander. Der also Geehrte – zurzeit Generalgouverneur von Kanada – hatte den Besuch des Lord-Mayors vorgeschlagen. „Ich gehe nach Kanada, um den Dank für Kanadas Kriegsbeitrag zu überbringen und sozusagen auch als Botschafter für Handel und Gewerbe, im Austausch zwischen Lancashire, besonders Manchester, und dem Dominion.“

Dieser Reisezweck kennzeichnet die Bedeutung der großen englischen Städte und ihrer Selbstverwaltung im Wirtschaftsverband des Empire. In der bevorstehenden Periode der amerikanischen Anleihe wird diese Bedeutung sicher noch wachsen. So lohnt es um so mehr, gelegentlich auch die dortige Entwicklung aufmerksam zu betrachten.

Auch in England steht zurzeit die Überwindung der Kriegsfolgen mit an erster Stelle. Die Kommunalpolitik aber wird ebenso stark von den Aufgaben des sozialistischen Umbaus bestimmt. Eins der Probleme, an denen sich die Öffentlichkeit erhitzt, ist die Ausdehnung der staatlichen Gesundheitspflege, insbesondere dieNationalisierung der Krankenhäuser. In Deutschland Weitgehend kommunal, wobei vor allem, die Provinzen hervortreten – man denke etwa an die großen Frauenkliniken –, sind sie in England vielfach vom Privatkapital durch Stiftungen u. dgl. finanziert.

Der Plan ihrer Verstaatlichung hat daher einen lebhaften Streit in der Presse heraufbeschworen. „Es wäre eine Tragödie, wenn die Privatkrankenhäuser von einer Sozialistenregierung enteignet würden“, schreibt einer der Gegner. Andere sehen kühler und heben hervor, daß die privaten Anstalten doch häufig überaltert, unmodern eingerichtet oder personell nicht genügend qualifiziert waren; Für die kommunalen Anstalten, die vom Wandel der Rechtsform weniger betroffen sind, spielt die Verstärkung der Staatsaufsicht eine erhebliche Rolle. Die Gegner weisen auf die unausbleibliche Instanzenvermehrung hin, die bei Beschwerden ein endloses Hin und Her zur Folge haben müsse. So fürchtet der eine um seine finanzielle, der andere um seine organisatorische Unabhängigkeit – und „independence“ istdem Engländer alles – ohne doch den großen Gedanken der allgemeinen Volksgesundheitspflege ernstlich ablegen zu wollen.

Von ihm wird auch die Frage des Fremdenverkehrs regiert die augenblicklich in England stärkste Interesse findet. Das Unterhaus hat sich vor kurzem mit den Beschwerden der Städte an Englands Süd- und Ostküste beschäftigt. Die wichtigsten Ferienorte der Insel liegen dort, und da man für 1946 ein „boom holiday year“ erwartet, wird kommunalpolitische Bewegungsfreiheit besonders. erwünscht. Schon in wenigen Wochen beginnt der Verkehrsstrom, besonders der Arbeiterbevölkerung, in die altgewohnten Erholungsstätten zu fließen. Die Fremdenverkehrsgemeinden aber leiden noch immer unter den Verwaltungsbeschränkungen der bisherigen Verteidigungszone. Schwere finanzielle und materielle Einbußen waren die Folge. Hotels bleiben beschlagnahmt, Anlagen verwildern, 97 000 Grundstücke dienen noch militärischen Zwecken. Vor allem müssen Möbel und Einrichtungsgegenstände beschafft werden. Die Regierung hat beschleunigte Hilfe zugesagt. Hoffen wir, daß auch bei uns die alten Kurorte jene Erleichterungen erhalten, um dem durch Hunger und Elend so furchtbar geprüften Volk wieder Kraft für seine Zukunftsarbeit zu geben. F. M.