Von Richard Tüngel

Nach langen Jahren ist in Hamburg zum ersten Male wieder eine repräsentative Ausstellung Jener Kunst veranstaltet wenden, die im Dritten Reich verboten war und deren Werke, soweit sie sich im Besitz deutscher Museen befanden, sinnlos verschleudert oder vernichtet worden sind. Die Einladungen zu ihrer Eröffnung in den Kunstsälen Bode sind nicht nur von einer staatlichen Stelle, von der Kulturverwaltung, ergangen, sondern auch vom Zentralausschuß Hamburger Studenten. Dies und der Titel „Wegbereiter“, den die Ausstellung trägt, gibt ihr eine besondere Bedeutung. Die Anfeindung, der die moderne Kunst in jüngster Zeit sowohl bei uns wie auch im Ausland ausgesetzt war, zeigt, daß die Opposition gegen sie noch nicht geschwunden ist, die Zustimmung der Studenten beweist, daß zum mindesten ein Teil unserer Jugend in ihr den Anfang einer kommenden Entwicklung sieht. So ist sie also, immer noch leidenschaftlich umstritten, Zeichen einer Unruhe, deren Herkunft zu erforschen, reizvoll und wichtig ist.

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Zwei Möglichkeiten gibt es, Wie wir uns der Welt gegenüber verhalten können, empfangend oder bildend. Der aufnehmende, leidende, unfreie, allem Materiellen hingegebene sinnliche Trieb bildet den Gegensatz zu dem harmonieschaffenden, ordnenden, aus freier Kraft Grenzen und Schranken setzenden Formtrieb, so wie Leben und Gestalt, Werden und Identität im Widerstreit miteinander stehen. Sind beide Triebe gegenseitig ausgewogen besteht also ein Gleichgewicht zwischen Form und Realität, dann bilden auch Kunst und Leben eine Einheit, und Feindschaft ist zwischen ihnen nicht möglich. Nun ist jedoch dieses Gleichgewicht seit der Mitte des 18. Jahrhunderts gestört, und die Spaltung seitdem mit vollem Bewußtsein erkannt und weiterentwickelt worden.

Es begann sehr revolutionär damit, daß die Menschen eine Sehnsucht befiel, das Leben stärker zu empfinden, als es bisher. geschehen war. „Zurück zur Natur“, erscholl der Ruf, und schwärmerische Hingabe, leidende Empfindsamkeit, Flucht vor jedem ordnenden Zwang schien hierzu das geeignete Mittel. Die „englische“ Gartenkunst, die Werther – Leidenschaft, die Ossianischen Gesänge, die Bewunderung Shakespeares, den man für ein Naturgenie hielt, waren die ersten deutlichen Zeichen. Mit gleicher Intensität suchte man das Leben zu erforschen. Die Wissenschaft unterwarf sich der Empirie, das Experiment trat seine Herrschaft an; die historischen Disziplinen nahmen einen bisher ungeahnten Aufschwung, mit philologischer Akribie werden Tatsachen aufgestöbert, denen man sich beugt. Neue Wissenschaften, die Psychologie etwa und die Soziologie, deren Aufgabe das Sammeln und vorsichtige Deuten von Fakten ist, traten in Erscheinung. Auf allen Gebieten, in denen der sinnliche Trieb die Führung hat, und der formendt nur eine geringe Rolle spielt, begann eine stürmische Entwicklung.

Die Kunst wurde demgegenüber als etwas empfunden, das dem Leben entgegengesetzt, ja oft geradezu feindlich sei. Die Romantik hat diese schneidende Dissonanz stark betont. „Es gibt ein einziges Leben, denn alles Leben ist ein Gelebtes, die Kunst aber ist ein ungelebtes Leben und ist daher im Leben unmöglich“, schreibt Brentano in einem seiner Jugendbriefe an Bettina. Bald galt sie, wie bei Tieck und Jean Paul, als ein höheres, himmlisches, dem Leben übergeordnetes Element, bald als erschreckend böse, als der Inbegriff zerstörerischer Kräfte, wie bei E. T. A. Hoffmann. Kleist hat diesen Antagonismus zwischen Leben und Kunst in seinem Aufsatz über das Marionettentheater mit schöner Präzision formuliert. So wurde die Kunst auch in der Theorie dem Leben entfremdet und bewußt vom Zwang der Realität befreit. Dies gab ihr neue, bislang ungekannte Möglichkeiten.

Im Klassizismus ist zuerst jener Schnitt vollzogen, der die moderne Kunst von der vorhergehenden, in sich zusammenhängenden Epoche abendländischer Kultur trennt, In Malerei und Plastik sind hier die Konturen von einer Härte, die Gegensätze von Licht und Schatten von einer Schärfe, als seien die Formen erstarrt und wie aus Metall geschnitten. Die Künstlichkeit einer Figur von David ist genau so augenscheinlich wie die Marmorblässe der Umrißzeichnungen von Genelli und Carstens. Das Kunstideal der Zeit steht im bewußten Gegensatz zur Realität. Damit ist der formende Trieb auf den Weg zur ungehinderten Freiheit gewiesen. Zögernd und unsicher sucht er zunächst noch nach Vorbildern, aber – das ist bedeutsam – nicht im Leben, sondern im Reiche der Kunst. Auf den Klassizismus folgen die Nazarener und Präraffaeliten. Die Franzosen mit der schönen Konsequenz, die ihnen so oft im Reiche des Geistes und der Kunst eignet, waren die ersten, die die gewonnene Freiheit auf die artistischen Elemente selber anwandten. So entstand der Impressionismus. Mit Manets Wort: „Pius c’est plat plus c’est d’art“, ist in der Malerei die Souveränität des Artistischen betont und zum Programm erhoben.